Verwaltung

Ein Beitrag von Rodrigo Krönkvist
Projektleiter Stadtteilentwicklung, Präsidialdepartement des Kantons Basel-Stadt

In diesem Text möchte ich aufzeigen, wieso und wie staatlichem Handeln eine Rolle bei der Reduktion von Einsamkeit in der Bevölkerung zukommt und warum es sinnvoll wäre, wenn Bund und Kantone auf eine Reduktion von Einsamkeit in der Bevölkerung hinarbeiten würden. In der Verfassung des Kantons Basel-Stadt sind unter Artikel 15 die «Leitlinien staatlichen Handelns» festgehalten. In Abschnitt 1 : «Der Staat orientiert sich bei der Erfüllung seiner Aufgaben an den Bedürfnissen und am Wohlergehen der Bevölkerung. Er berücksichtigt dabei die Würde, die Persönlichkeit und die Eigenverantwortung des einzelnen Menschen.» Sich um das Wohlergehen und die Bedürfnisse der Bevölkerung zu kümmern, gehört demnach zu den Kernaufgaben eines Staates. Dies ist in Bezug auf Einsamkeit von Bedeutung.

Definition des Einsamkeitsbegriffs

Seit einigen Jahren steht das Thema Einsamkeit auf der Agenda des Kanton Basel-Stadt. Der Kanton arbeitet mit der in der Forschung anerkannten Definition von Einsamkeit von Perlman und Peplau aus dem Jahr 1981 : «Einsamkeit wird definiert als eine (subjektiv und schmerzhaft) wahrgenommene Diskrepanz zwischen den gewünschten und den tatsächlichen sozialen Beziehungen.» 

Diese Definition bietet verschiedene Differenzierungsmöglichkeiten, um das Phänomen Einsamkeit besser zu begreifen. Einerseits ermöglicht sie, Einsamkeit von den Begriffen der «sozialen Isolation» und des «Alleinseins» zu unterscheiden. Ersteres ist eine quantitative Grösse, welche die tatsächliche Anzahl sozialer Beziehungen bzw. Kontakte misst. Allerdings ist ein zentrales Moment von Einsamkeit, dass sie subjektiv und leidvoll wahrgenommen wird. Alleinsein ist hingegen die nicht bewertete Abwesenheit von anderen Personen. Alleinsein muss, im Gegensatz zu Einsamkeit, per se nicht als schmerzhaft empfunden werden. 

Landläufig werden diese Begriffe oft nicht differenziert, was zu einer Bagatellisierung von Einsamkeit führen kann. Einsamkeit kann grosses individuelles Leid erzeugen. Beim Thema Einsamkeit sind sowohl das Wohlergehen als auch die Bedürfnisse der Bevölkerung negativ tangiert. Das legitimiert Bund und Kantone, in Bezug auf die Reduktion von Einsamkeit in der Bevölkerung aktiv zu werden. Dazu kommt, dass speziell chronische Einsamkeit ein erhebliches Gesundheitsrisiko darstellt, das körperlich und seelisch krank machen kann. Die Morbiditäts- und Mortalitätsfolgen von intensiven chronischen Einsamkeitsgefühlen sind erheblich. Mit Einsamkeit können nebst grossem individuellem Leid auch hohe gesellschaftliche Gesundheitskosten einhergehen. Kantone und Bund engagieren sich deshalb in Form von Prävention, Intervention und Therapie, um einen Beitrag zur Reduktion von Einsamkeit zu leisten.

Das Grundgerüst : der Sozialstaat

Bund und Kantone tragen bereits sehr viel zur Reduktion von Einsamkeit in der Bevölkerung bei. Soziale und ökonomische Teilhabe sind für die Prävention von Einsamkeit von grösster Bedeutung. Bund und Kantone bieten in ihrer Funktion als Wohlfahrtsstaat eine breite Palette an Sozialleistungen und sozialen Sicherungssystemen an. Ein gut funktionierender Sozialstaat ist ein zentraler Baustein, sozusagen das Grundgerüst, zur Reduktion und Prävention von Einsamkeit und zur sozialen Inklusion von Menschen. Für den Bund und die Kantone gibt es aber noch weitere Möglichkeiten, Einsamkeit zu mindern.

Sensibilisierung der Gesellschaft

Bund und Kantone können durch Sensibilisierungs- und Aufklärungskampagnen dazu beitragen, das Thema Einsamkeit zu enttabuisieren, das damit verbundene Stigma zu verringern und die Bevölkerung zu informieren. Dies wirkt präventiv, indem Menschen frühzeitig für das Problem sensibilisiert und ihnen einfache Handlungsempfehlungen an die Hand gegeben werden. So kann eine aufmerksame Gesellschaft Anzeichen von Einsamkeit früher erkennen und dazu beitragen, dass diese seltener chronisch wird. Die Sensibilisierung kann aber auch die Betroffenen darin bestärken, das Thema selber anzusprechen. Betroffene schämen sich oft für ihre Einsamkeit und geben sich selbst die Schuld dafür. Dies ist kontraproduktiv und verstärkt den Teufelskreis, in dem sie sich befinden. Wenn Einsamkeit eine höhere gesellschaftliche Akzeptanz erfährt, sind sowohl Betroffene als auch Angehörige schneller bereit, das Thema anzugehen, was individuelles Leid verhindern kann.  

Wissen schaffen

Statistiken können durch erhobene Daten zu einem Einsamkeitsbarometer beitragen. Diese Zahlen haben eine gewisse Aussagekraft, auch wenn Einsamkeit als subjektives Gefühl keine absolute Trennschärfe besitzt. Die qualitative Forschung zum Thema und die Evaluation von Interventions- und Präventionsprojekten kann ein differenzierteres Verständnis von Ursachen, Folgen und möglichen Lösungsansätzen fördern. Auf der Grundlage dieses Wissens können anschliessend bessere Präventions- und Interventionsangebote über- bzw. erarbeitet werden. Das vertiefte Wissen verbessert, bei entsprechender Wissensvermittlung, die Sensibilisierung der Gesellschaft für das Thema.

Präventions- und Interventionsangebote

Mit Präventions- und Interventionsangeboten kann der Kanton das von der Einsamkeit produzierte Leid verringern helfen. Es soll ein adäquates, nieder-schwelliges und diverses Angebot für möglichst viele Betroffene geschaffen werden. Prävention ist bedeutsam, um zu verhindern, dass Menschen in Einsamkeit abrutschen und diese sich später chronifiziert. Intervention sollte auf unterschiedliche Zielgruppen zugeschnitten sein. Das Spektrum reicht von der Vermittlung eines Hobbys bis zum Klinikaufenthalt und der Therapie. Bund und Kantone sollten bei der Ausarbeitung des Präventions- und Interventionsangebots eine koordinierende Rolle einnehmen.

Netzwerk Einsamkeit stärken

Als zentrale Institution in der Gesellschaft ist der Staat der geeignete Akteur, um das Netzwerk zum Thema Einsamkeit zu stärken. Er kann Akteure zusammenbringen und gemeinsam mit ihnen eine Strategie zur Reduktion von Einsamkeit festlegen. Durch das Netzwerk können Synergien geschaffen und Doppelspurigkeiten reduziert werden. Durch die Pflege des Netzwerks und durch die Schaffung von Weiterbildungsangeboten für Fachpersonen können Bund und Kantone dazu beitragen, dass die Qualität der Arbeit zunimmt. Sie können dafür einstehen, dass alle sozialen Akteure in Bezug auf das Thema gemeinsam an einem Strang ziehen.

Städte für Menschen

Die Kantone können in der Planung so agieren, dass der öffentliche Raum als Begegnungsraum für Menschen konzipiert ist. Der öffentliche Raum wirkt damit proaktiv gegen die Vereinsamung der Bevölkerung. Dies umfasst beispielweise die Bereitstellung und Pflege von öffentlichen Plätzen und Parks mit hoher Aufenthaltsqualität oder die Förderung des Fuss- und Radverkehrs im Strassenraum, um dort Begegnungsorte zu schaffen. 

Nebst dem öffentlichen Raum kommt auch «dritten Orten» eine wichtige Bedeutung zu. Unter diesem Begriff versteht man (halb-)öffentliche oder private Orte, an denen Menschen sich begegnen, Beziehungen aufbauen, Ideen austauschen und ihr Gemeinschaftsgefühl stärken können. Ein bekanntes Beispiel in Basel hierfür ist das Foyer Public des Theater Basel als kostenloser dritter Ort ohne Konsumzwang. Der Kanton fördert im Rahmen seiner Möglichkeiten einen möglichst kostengünstigen und niederschwelligen Zugang zu solchen dritten Orten. Dies geschieht teilweise durch Staatsbeiträge für die Erfüllung von gesetzlich vorgeschriebenen Aufgaben oder durch die Förderung freiwilliger Leistungen im öffentlichen Interesse (z.B. Bibliotheken, kulturelle Einrichtungen, soziale und soziokulturelle Einrichtungen, Quartier-, Alters-, Jugendtreffpunkte etc.). Diese Gelder helfen durch die Schaffung eines attraktiven und niederschwelligen Angebots auch bei der Reduktion von Einsamkeit.

Woran arbeitet der Kanton Basel-Stadt gerade ? 

Aktuell entsteht im Auftrag des Grossen Rates in Basel-Stadt eine kantonale Strategie zur Reduktion von Einsamkeit. Diese wird interdepartemental erarbeitet und von Vertreter:innen aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft begleitet. Sie soll in diesem Jahr verabschiedet werden. Basel-Stadt wäre damit der erste Kanton der Schweiz, der eine solche Strategie vorlegt. Parallel zur Erarbeitung der Strategie wird an einer Plattform zur Reduktion von Einsamkeit gearbeitet. Sie macht die Angebotsfülle im Kanton sichtbar und soll als digitale Anlaufstelle für Betroffene, Fachpersonen und Angehörige fungieren. Die Plattform soll zeitgleich mit der Strategie aufgeschaltet werden.

Basel-Stadt führt seit 2025 ein Pilotprojekt «Kantonales Aktionsprogramm gegen Einsamkeit bei jungen Erwachsenen für die Jahre 2025–2028» durch. Es wird partizipativ mit einsamkeitserfahrenen Personen ausgearbeitet und umfasst eine Weiterbildung für Fachpersonen, eine Intervention und eine Sensibilisierungskampagne zum Thema Einsamkeit bei jungen Erwachsenen.

Um das Netzwerk Einsamkeit zu stärken, hat der Kanton im Jahr 2024 ein wiederkehrend stattfindendes «Koordinationstreffen Einsamkeit» ins Leben gerufen. An ihm nehmen Vertreter:innen aus Verwaltung, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und sozialen Institutionen teil. Basel-Stadt hat zudem in den letzten Jahren in den kantonalen Bevölkerungsbefragungen neu die Abfrage von Einsamkeitsgefühlen aufgenommen. Daraus lassen sich wichtige Daten gewinnen. Im Jahr 2024 wurden sieben Pilotprojekte zum Thema Einsamkeit unterstützt, welche unterschiedliche Zielgruppen erreichen sollten. Für das Jahr 2026 stehen nun 180 000 Franken für Projekte von Dritten zur Einsamkeitsprävention zur Verfügung. 

Mit der anstehenden Strategie, der Plattform und dem Aktionsprogramm gegen Einsamkeit bei jungen Erwachsenen leistet der Kanton Basel-Stadt schweizweit wichtige Pionierarbeit zum Thema Einsamkeit. 

Autor

Rodrigo Krönkvist ist Soziologe. Er arbeitet als Projektleiter im Präsidialdepartement des Kantons Basel-Stadt bei der Fachstelle Stadtteilentwicklung der Kantons- und Stadtentwicklung und ist dort nebst dem Thema Einsamkeit hauptsächlich für den Stadtteil Kleinbasel zuständig.