Statistik
Einsamkeit gilt gemeinhin als ein Phänomen des höheren Alters. Die Statistik widerspricht diesem Narrativ deutlich: In Umfragen und Erhebungen sind es nicht ältere Menschen, sondern junge Erwachsene, die am häufigsten von Einsamkeit berichten. Dieser überraschende Befund steht im Zentrum des vorliegenden Artikels und findet sich übereinstimmend in kantonalen, nationalen sowie internationalen Daten. Auch wenn Einsamkeit nur über subjektive Selbstauskünfte messbar ist, weisen die Ergebnisse auf ein ernstzunehmendes Problem hin und machen deutlich, dass das Merkmal «Alter» in der statistischen Analyse von Einsamkeit künftig stärker berücksichtigt werden muss.

Einsamkeit in Basel-Stadt nach Altersgruppen
Die folgenden Befunde basieren auf der Bevölkerungsbefragung 2023 des Kantons Basel-Stadt, einer standardisierten und repräsentativen Erhebung der ständigen Wohnbevölkerung. Die Befragten geben an, wie häufig sie sich einsam fühlen, wobei zwischen den Kategorien «nie», «manchmal», «ziemlich häufig» und «sehr häufig» unterschieden wird. Als zentraler Indikator gilt der Anteil der Personen, die berichten, sich ziemlich häufig oder sehr häufig einsam zu fühlen.
Erfasst wird Einsamkeit in statistischen Erhebungen über Selbstauskünfte. Sie beschreibt kein objektiv beobachtbares Fehlen sozialer Kontakte, sondern ein subjektiv wahrgenommenes, affektiv geprägtes Gefühl sozialer Unverbundenheit. Gerade diese subjektive Perspektive ist für Altersvergleiche aber besonders aussagekräftig, da sie Unterschiede in der wahrgenommenen sozialen Einbindung zwischen Bevölkerungsgruppen sichtbar macht.
Die Auswertung der Bevölkerungsbefragung 2023 zeigt deutliche Unterschiede zwischen den Altersgruppen. Besonders ausgeprägt ist die Einsamkeitsbelastung bei jungen Erwachsenen : In der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen gibt der höchste Anteil an, sich ziemlich häufig oder sehr häufig einsam zu fühlen. Höhere Werte weist nur die Altersgruppe der 30- bis 39-Jährigen auf.
Im Altersvergleich ergibt sich eine klare Tendenz. Während Einsamkeit bei jungen Erwachsenen und Personen bis 39 Jahre besonders verbreitet ist, sinken die entsprechenden Anteile in den mittleren Altersgruppen deutlich. Bei den 40- bis 59-Jährigen berichten bereits weniger Personen von Einsamkeit. In den Altersgruppen ab 60 Jahren liegen die Anteile nochmals tiefer. Einsamkeit zeigt sich in Basel-Stadt damit nicht als Phänomen des höheren Lebensalters, sondern als Belastung, die sich besonders stark im jungen Erwachsenenalter konzentriert.
Bei der Interpretation dieser Ergebnisse ist zu berücksichtigen, dass Einsamkeit als affektiv gefärbtes Erleben stark von individuellen Eigenschaften abhängt. Personen unterscheiden sich darin, wie sensibel sie soziale Signale wahrnehmen, welche Erwartungen sie an soziale Beziehungen stellen und wie sie über ihr eigenes Befinden berichten. Entsprechend können Befragungen zum subjektiven Empfinden – selbst bei vergleichbarer sozialer Einbettung – unterschiedliche Resultate hervorbringen. Für die statistische Analyse bedeutet dies, dass das Untersuchungsdesign und die gewählten Erhebungsinstrumente eine zentrale Rolle spielen. Gleichzeitig sind Selbstauskünfte zur Einsamkeit konzeptuell angemessen, da gerade das subjektive Erleben sozialer Verbundenheit relevant ist. Altersvergleiche innerhalb desselben Erhebungsdesigns liefern daher robuste Hinweise auf relative Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen, auch wenn absolute Werte mit Zurückhaltung zu interpretieren sind.

Erläuterung zu den Darstellungen: Die Balken zeigen an, wie gross der Anteil der Bevölkerung ist, der sich gemäss jüngsten Befragungen manchmal, ziemlich häufig oder sehr häufig einsam fühlt. Weil die Altersgruppen bei der Befragung im Kanton Basel-Stadt und auf Bundesebene unterschiedlich gemacht wurden, werden sie hier nebeneinander dargestellt.
Nationale Einordnung : Befunde für die Schweiz
Auch auf nationaler Ebene zeigt sich Einsamkeit als verbreitetes und deutlich altersdifferenziertes Phänomen. Gemäss der Schweizerischen Gesundheitsbefragung 2022 des Bundesamts für Statistik geben insgesamt 42% der Bevölkerung an, sich «sehr häufig», «ziemlich häufig» oder «manchmal» einsam zu fühlen (Bundesamt für Statistik, 2023). Einsamkeit betrifft damit einen substanziellen Teil der Bevölkerung und ist kein Randphänomen einzelner Bevölkerungsgruppen.
Besonders hohe Anteile finden sich bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. In der Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen berichten 59% der Männer und 69% der Frauen, sich zumindest manchmal einsam zu fühlen. Diese Werte liegen deutlich über jenen aller älteren Altersgruppen und markieren den höchsten gemessenen Anteil über den gesamten Altersverlauf hinweg (Bundesamt für Statistik, 2024).
Mit zunehmendem Alter nimmt der Anteil der Personen, die Einsamkeitsgefühle berichten, kontinuierlich ab. Dieser altersbezogene Rückgang zeigt sich sowohl bei gelegentlicher als auch bei stärker ausgeprägter Einsamkeit. Auch für die Kategorie «oft oder sehr oft einsam» weisen Jugendliche und junge Erwachsene höhere Anteile auf als Personen im mittleren und höheren Erwachsenenalter. Für ältere Altersgruppen ergeben sich hingegen deutlich tiefere Werte, ohne Hinweise auf einen erneuten Anstieg im höheren Lebensalter.
In der Gesamtschau bestätigen die nationalen Befunde das in Basel-Stadt beobachtete Altersmuster. Einsamkeit erweist sich auch auf Ebene der Schweiz nicht primär als Phänomen des höheren Lebensalters, sondern als subjektiv berichtete Belastung, die sich besonders stark in frühen Lebensphasen konzentriert. Die kantonalen Ergebnisse lassen sich damit schlüssig in den nationalen Kontext einordnen.
Internationale und zeitliche Einordnung der Befunde
Die in Basel-Stadt und der Schweiz beobachtete Altersverteilung fügt sich in ein international gut dokumentiertes Muster ein. In den vergangenen Jahren ist eine wachsende Zahl empirischer Studien erschienen, die Einsamkeit systematisch nach Altersgruppen und über die Zeit hinweg untersuchen. Dabei zeigt sich konsistent, dass Jugendliche und junge Erwachsene in vielen Ländern häufiger Einsamkeit berichten als ältere Bevölkerungsgruppen (Buecker et al., 2021; Barreto et al., 2021).
Langfristige, cross-temporale Analysen zeigen, dass sich dieses Altersmuster über mehrere Jahrzehnte hinweg entwickelt hat. Für junge Erwachsene wird ein signifikanter Anstieg der berichteten Einsamkeit zwischen den späten 1970er-Jahren und 2019 dokumentiert, während sich für mittlere und ältere Altersgruppen keine vergleichbaren Trends finden (Buecker et al., 2021).
Internationale Schulstudien weisen darauf hin, dass Einsamkeit bereits im Jugendalter an Bedeutung gewonnen hat. Eine weltweite Analyse zeigt, dass der Anteil der Jugendlichen, die angeben, sich häufig einsam zu fühlen, seit etwa 2012 in der Mehrheit der untersuchten Länder angestiegen ist. Vergleichbare Befunde liegen auch für Europa vor: Zwischen 2012 und 2018 nahm Einsamkeit bei 15-jährigen Jugendlichen in nahezu allen untersuchten Ländern zu.
Neuere internationale Analysen mit PISA-Daten erweitern diese Befunde bis 2022. Sie zeigen, dass Einsamkeit bei 15- bis 16-jährigen Jugendlichen in vielen Ländern weiter zugenommen hat und parallel dazu die durchschnittlichen schulischen Leistungen gesunken sind. Besonders ausgeprägt waren diese Entwicklungen in Ländern mit stärkerer Zunahme der Smartphone- und Freizeitnutzung elektronischer Geräte. Die Studie beschreibt eine zeitliche Parallelität dieser Entwicklungen, ohne daraus einfache kausale Schlüsse abzuleiten (siehe Beitrag – Schobin).
Auch grosse internationale Querschnittsstudien bestätigen die ausgeprägte Altersabhängigkeit von Einsamkeit. In vielen Ländern berichten junge Erwachsene deutlich häufiger als ältere Altersgruppen von moderater bis starker Einsamkeit; dieses Muster bleibt auch bei unterschiedlichen Erhebungsinstrumenten und Schwellenwerten bestehen (Barreto et al., 2021).

Erläuterung zu den Darstellungen: Die Balken zeigen an, wie gross der Anteil der Bevölkerung war, der sich gemäss Befragungen in den betreffenden Jahren manchmal, ziemlich häufig oder sehr häufig einsam gefühlt hat. Durch alle Altersgruppen ist seit 2002 eine Zunahme von Einsamkeit erkennbar.
Einsamkeit nach Einkommen und Bildungsstand
Neben dem Alter variiert die Häufigkeit von Einsamkeit auch deutlich nach sozioökonomischen Merkmalen. Die Bevölkerungsbefragung Basel-Stadt 2023 zeigt, dass Personen mit einem tiefen monatlichen Haushaltseinkommen (unter 3000 Franken) am häufigsten angeben, sich ziemlich häufig oder sehr häufig einsam zu fühlen. In den mittleren Einkommensgruppen (3000–7499 Franken) liegen die Anteile tiefer, während sie bei hohen Einkommen (ab 7500 Franken) nochmals deutlich geringer ausfallen.
Auch nationale Daten bestätigen soziale Unterschiede im Einsamkeitserleben. Gemäss der Schweizerischen Gesundheitsbefragung 2022 berichten Personen mit tieferem Bildungsstand häufiger Einsamkeit als höher Gebildete. Besonders erhöht ist das Risiko bei Personen mit ausschliesslich obligatorischer Schulbildung ; mit Abschluss der Sekundarstufe II und insbesondere der Tertiärstufe nehmen die Anteile kontinuierlich ab.
Diese Befunde unterstreichen, dass Einsamkeit nicht nur alters-, sondern auch sozialstrukturell geprägt ist. Der ausgeprägte Altersgradient bleibt jedoch bestehen und bildet weiterhin das dominante Muster der Einsamkeitsverteilung.
Fazit
Der vorliegende Artikel hat einen Zusammenhang in den Fokus gerückt, der in der öffentlichen Diskussion bislang wenig Beachtung findet: Einsamkeit betrifft nicht primär ältere Menschen, sondern in besonderem Masse junge Erwachsene – und sie nimmt in dieser Altersgruppe seit Jahren zu. Diese Entwicklung ist statistisch gut belegt und widerspricht gängigen Annahmen über die soziale Lage verschiedener Altersgruppen.
Dieser Befund macht es notwendig, Einsamkeit im jungen Alter nicht nur sichtbar zu machen, sondern auch vertieft zu analysieren und in ihren möglichen Folgen ernst zu nehmen. Gesellschaftliche Trends wie die fortschreitende Individualisierung könnten die Entstehung und Verfestigung von Einsamkeit zusätzlich begünstigen. Zudem gilt: Je früher Menschen von Einsamkeit betroffen sind, desto länger besteht potenziell die Belastung im weiteren Lebensverlauf. Einsamkeit ist damit nicht nur ein momentanes individuelles Empfinden, sondern kann langfristige soziale und gesundheitliche Auswirkungen haben.
Darüber hinaus hat Einsamkeit auch eine gesellschaftspolitische Dimension. In einer zunehmend einsamer werdenden Gesellschaft ist der soziale Austausch geschwächt – mit möglichen Folgen für politische Teilhabe, gesellschaftlichen Zusammenhalt und demokratische Diskussionskultur. Fehlende soziale Einbindung kann Polarisierung und Radikalisierung begünstigen und damit über das Individuum hinauswirken.
Für die statistische Berichterstattung ergibt sich daraus die klare Notwendigkeit, Einsamkeit konsequent altersdifferenziert zu analysieren und im Kontext des gesamten Lebensverlaufs zu interpretieren. Nur so lassen sich Verzerrungen und Fehlinterpretationen vermeiden, die aus aggregierten Durchschnittswerten entstehen. Zugleich wird sichtbar, dass Einsamkeit zunehmend ein zentrales Thema junger Lebensphasen ist. Da heute junge Menschen potenziell über viele Jahre hinweg davon betroffen sein können, handelt es sich nicht um ein vorübergehendes Phänomen, sondern um eine langfristige gesellschaftliche Herausforderung, die künftig alle Altersgruppen betreffen dürfte.
Literaturverzeichnis
Barreto, M.; Victor, C.; Hammond, C.; Eccles, A.; Richins, M. T. & Qualter, P. (2021). Loneliness around the world: Age, gender, and cultural differences in loneliness. Personality and Individual Differences, 169, 110066.
Buecker, S.; Mund, M.; Chwastek, S.; Sostmann, M. & Luhmann, M. (2021). Is loneliness in emerging adults increasing over time ? A preregistered cross-temporal meta-analysis and systematic review. Psychological Bulletin, 147(8), 787–805.
Bundesamt für Statistik (BFS) (2023). Schweizerische Gesundheitsbefragung 2022 : Übersicht. Neuchâtel.
Bundesamt für Statistik (BFS) (2024). Gesundheit und Geschlecht – Ergebnisse der Schweizerischen Gesundheitsbefragung 2022. Neuchâtel.
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Twenge, J. M. ; Haidt, J. ; Blake, A. B. ; McAllister, C. ; Lemon, H. & Le Roy, A. (2021). Worldwide increases in adolescent loneliness. Journal of Adolescence, 93, 257–269.
Twenge, J. M. (2025/26). International declines in academic performance and increases in loneliness are linked to electronic devices. Journal of Adolescence.
Autor
Emanuel Rebsamen hat Philosophie und Deutsche Literaturwissenschaften in Basel, Zürich, Luzern und Bergen (NO) studiert. Im Anschluss Arbeit als Projektmanager in verschiedenen Bereichen. Zurzeit befindet er sich in einem Masterstudium (Pädagogik) an der FHNW und hat als Projektmitarbeiter der CMS die Publikation «Einsamkeit» begleitet.