Soziologie
Werden Jugendliche und junge Erwachsene immer einsamer – und was kann man dagegen tun ?
Neben Menschen im hohen Alter sind in modernen Gesellschaften zumeist Jugendliche und junge Erwachsene besonders einsam. Die «Jugendeinsamkeit» gilt als normales Phänomen der psychologischen Entwicklung junger Menschen. Dessen ungeachtet häufen sich die Befunde, die vermuten lassen, dass die Einsamkeit in den jüngeren Altersgruppen zunimmt. Diese Dynamik verweist auf die Veränderung der gesellschaftlichen Umstände, unter denen junge Menschen heute erwachsen werden.

Langanhaltende Jugendeinsamkeit – keine Bagatelle
Lange galt dauerhafte Einsamkeit als etwas, dass vor allem hochaltrige Menschen betrifft. Dieses Bild hat sich in den letzten zwanzig Jahren stark verändert : Im Jugendalter werden die Einsamkeitsbelastungen in der Tendenz typischer und erreichen einen ersten Höhepunkt im Lebensverlauf (Qualter et al., 2015).
Längsschnittliche Studien über die Verlaufsform der Jugendeinsamkeit aus dem Vereinigten Königreich zeigen dabei jedoch (glücklicherweise) auf, dass die meisten Jugendlichen in der Regel keine dauerhaften Einsamkeitsbelastungen entwickeln (Kirwan et al., 2025). Stabil niedrige Einsamkeitsbelastungen sind bei der Mehrheit der Jugendlichen der Normalfall. Sie erleben Einsamkeit vor allem situativ oder episodisch, im Rahmen von Konflikten mit Freunden und Freundinnen, Streit mit den Eltern oder durch Enttäuschungen in Liebesbeziehungen. Langfristige Vereinsamung im Sinne der Verfestigung der Einsamkeitsbelastungen stellt sich nur bei einer Minderheit ein. Kirwan et al. (2025) etwa konnten anhand von Daten der britischen Haushalts-Längsschnittstudie (UKHLS) zeigen, dass ca. 20,6 % der 16- und 17-Jährigen stabil hohe Einsamkeitsbelastungen haben. Dieser im Kern positive Befund ist jedoch aufgrund der gesundheitlichen Folgen, die chronische Einsamkeit nach sich ziehen kann (Bücker, 2022), nicht zu bagatellisieren.
Entwicklungspsychologische Ursachen der Jugendeinsamkeit
Der Höhepunkt der Einsamkeitsbelastungen bei Jugendlichen hat zunächst entwicklungspsychologische Ursachen. Im Vordergrund stehen in der Forschung daher nicht zuletzt biopsychiche Reifungsprozesse, die im Jugendalter stattfinden (Qualter et al., 2015). Neuropsychologische Studien etwa zeigen, dass bei Jugendlichen soziale und affektive neuronale Schaltkreise besonders stark reagieren, dass jedoch gleichzeitig die Belohnungsverarbeitung abgeschwächt, die soziale Bedrohungssensibilität erhöht, der Schlafrhythmus verändert und die Mentalisierungsfähigkeit noch eingeschränkt ist. Das sogenannte «Social Brain» – das soziale Gehirn – entwickelt sich in der Jugend rapide (Wong et al., 2018). Einsamkeitsbelastungen entstehen in diesem Zusammenhang als eine Art «Entwicklungsschmerz», weil die «Ungleichzeitigkeit» der Reifung unterschiedlicher Systeme die Wahrnehmung von Diskrepanzen zwischen Beziehungsbedürfnissen, gewünschten Beziehungen und der Evaluation bestehender Beziehungen wahrscheinlicher macht.
Gesellschaftliche Ursachen der Jugendeinsamkeit
Jugendliche fühlen sich im Vergleich zu anderen Altersgruppen auch deshalb häufiger einsam, weil in dieser Lebensphase viele soziale Entwicklungsaufgaben in eine kurze Zeit gedrängt werden. Die vielen in das «System» Jugend institutionell eingebauten Lebensumbrüche produzieren strukturell Einsamkeitsepisoden, die – das ist wissenschaftlicher Konsens – nicht zuletzt durch Trennungen und Bindungsveränderungen ausgelöst werden (Qualter et al., 2015). Zu nennen ist allen voran die schrittweise Lösung aus dem Elternhaus, der Übergang in eine stärker auf Wahlbeziehungen wie Liebesbeziehungen, Freundschaften und Bekanntschaften basierende Lebenswelt und die Entwicklung einer Berufskarriere, die mit Übergängen zwischen Bildungsinstitutionen verbunden ist (Korzhina et al., 2022). Im Zuge der sozialen Entwicklungsaufgaben kommt es daher zu mehrfachen tiefgreifenden Restrukturierungen der Freundschafts- und Beziehungsnetzwerke von Jugendlichen ; zumeist in Statusübergängen, wie etwa von der Grundschule in die weiterführende Schule oder von der Schule in die Ausbildung und das Studium. Das macht Einsamkeitsepisoden wahrscheinlicher.
Nehmen die Einsamkeitsbelastungen junger Menschen zu?
Da sich psychologische Entwicklungsprozesse historisch wenig verändern dürften, lässt sich der Anstieg von Einsamkeit bei Jugendlichen vor allem durch gesellschaftliche Veränderungen erklären. Zunächst ist jedoch darauf hinzuweisen, dass es gerade für die Gruppe der Jugendlichen nur wenig vergleichbar erfasste Langzeitdaten zu Einsamkeitsbelastungen gibt. Wie belastbar ist der Befund der Zunahme der Jugendeinsamkeit daher tatsächlich? Die beste im Längsschnitt vergleichbare Evidenz stammt aktuell aus der Pisa-Studie, die in 37 Ländern vergleichbar nach Schuleinsamkeit gefragt hat. Erfasst wird hier demnach nur die Einsamkeitsempfindung, die auf den schulischen Kontext bezogen ist. Dieser Einschränkung ungeachtet zeigen die Pisa-Daten einen deutlichen Anstieg der Einsamkeit ca. um das Jahr 2012 herum – und zwar global in 36 der 37 befragten Länder, mit Ausnahme von Südkorea (Twenge et al., 2021). Neben den Pisa-Daten gibt es eine Handvoll hochqualitativer Längsschnittstudien, die ein ähnliches Bild über die allgemeine und nicht nur die schulspezifische Einsamkeitsbelastung junger Menschen zeichnen. Für die Bundesrepublik zeigen etwa Daten von jungen Erwachsenen (18–29 Jahre) des Sozioökonomischen Panels eine ähnliche Entwicklung : Zwischen 2013 und 2018 stiegen auch in dieser Gruppe die Einsamkeitsbelastungen signifikant an (Schobin et al., 2024). In die gleiche Richtung deutet die norwegische Young-HUNT-Studie. Unter norwegischen Jugendlichen hatte sich hier der Anteil der Einsamkeitsbelasteten zwischen den Erhebungswellen 1995 / 97 und 2017 / 19 nahezu verdoppelt (Parlikar et al., 2023). Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie wurde zudem global ein Anstieg der Einsamkeit Jugendlicher in einer Vielzahl von Studien beschrieben (Farrell et al., 2023). In Deutschland etwa waren es die jungen Erwachsenen, deren Einsamkeitsbelastungen im Vergleich zu anderen Altersgruppen besonders drastisch während der Pandemie stiegen (Schobin et al., 2024). Insgesamt ist es daher plausibel anzunehmen, dass es bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zuletzt zu einem Anstieg der Einsamkeitsprävalenz gekommen ist, dessen Beginn ungefähr auf das Jahr 2012 datiert werden kann und der sich im Rahmen der Corona-Pandemie noch einmal beschleunigt hat.
Ursachen der Zunahme der Jugendeinsamkeit
Zur Erklärung der Zunahme von Einsamkeitsbelastungen werden aktuell – neben den Spätfolgen der Pandemie – vor allem drei Ursachenkomplexe untersucht :
An erster Stelle steht hier die übermässige Nutzung digitaler Medien. Twenge et al. (2021) bspw. zeigen, dass der Anstieg der Schuleinsamkeit mit der Breitenverfügbarkeit von Smartphones einhergeht. Eine Reihe längsschnittlicher Studien unterstützt die kausale Interpretation dieses korrelativen Befundes : Niedriges psychisches Wohlbefinden ist beispielsweise im Längsschnitt deutlich mit einer exzessiven Nutzung digitaler Medien assoziiert (Twenge, 2019). Allerdings ist weiterhin umstritten, inwiefern hier der Medienkonsum ein Symptom oder die Ursache des Anstiegs der Einsamkeitsbelastungen darstellt.
Ein zweiter Ursachenkomplex wird in der Veränderung der Stabilität moderner Gesellschaften und der Zukunftsaussichten junger Generationen gesehen. Gesellschaftliche Krisen lösen einen starken Veränderungsdruck auf Beziehungen aus, die vor Einsamkeit schützen, verringern das Vertrauen in soziale Institutionen, die den gesellschaftlichen Ordnungsrahmen für stabile Beziehungen bieten, und lösen soziale Ängste und Anpassungsstörungen – siehe etwa die Debatte zu Climate Anxiety – bei jungen Menschen aus (Boehme et al., 2024). Die Hinweise darauf, dass gesellschaftliche Instabilität Einsamkeit bei jungen Menschen verstärkt, sind jedoch vor allem indirekt : Einsamkeit hängt unter anderem mit wahrgenommener gesellschaftlicher Spaltung, Vertrauensverlust, belastenden Migrationserfahrungen, der Pandemie und pessimistischen Zukunftserwartungen zusammen (Schobin et al., 2024 ; Seginer und Lilach, 2004).
Ein dritter potenzieller Ursachenkomplex kann in der Stigmatisierung von Einsamkeit verortet werden. Studien zur Verbreitung von Einsamkeitsscham zeigen, dass diese bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen besonders ausgeprägt ist (Barreto et al., 2022). Gleichzeitig gibt es etwa seit Mitte der 2010er-Jahre eine vermehrte gesellschaftliche Aufmerksamkeit für das Thema, die sich nicht zuletzt in Destigmatisierungskampagnen geäussert hat. Es ist daher möglich, dass die Einsamkeitsscham aktuell abnimmt, was zu einer überproportionalen Zunahme der Einsamkeitsäusserung in Surveys gerade in den Gruppen von jungen Menschen führen würde, bei denen die Einsamkeitsscham besonders ausgeprägt ist.
Perspektiven zum Umgang mit Jugendeinsamkeit
Die hier aufgereihten Befunde und Überlegungen zeigen, dass die Prävention dauerhafter Einsamkeit bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zweigleisig angelegt sein muss. Einerseits ist es zentral, junge Menschen darin zu stärken, Einsamkeit als normalen Teil entwicklungspsychologischer Übergänge zu verstehen, frühzeitig zu reflektieren und konstruktiv zu bewältigen, um einer Verfestigung von Einsamkeitsbelastungen vorzubeugen. Andererseits greift ein ausschliesslich individualisierender Präventionsansatz zu kurz, da viele der identifizierten Risikofaktoren – etwa institutionalisierte Übergänge, soziale Fragmentierung, digitale Kommunikationsstrukturen oder gesellschaftliche Krisenerfahrungen – struktureller Natur sind und sich dem unmittelbaren Einfluss Einzelner entziehen. Ziel von Prävention muss es daher sein, soziale Räume, Beziehungsgelegenheiten und kollektive Bewältigungsressourcen systematisch zu stärken, um zu verhindern, dass entwicklungspsychologisch « normale » Einsamkeit unter dem Druck gesellschaftlicher Veränderungsprozesse in eine dauerhaft erhöhte und potenziell kollektive Einsamkeitsbelastung einer ganzen Kohorte junger Menschen übergeht. Empowerment, Destigmatisierung und die aktive Förderung sozialer Vernetzung sind dabei keine Ergänzung individueller Coping-Strategien, sondern deren notwendige Voraussetzung, damit wir am Ende nicht vor einer «einsamen Generation» stehen.
Literaturverzeichnis
Barreto, Manuela ; van Breen, Jolien ; Victor, Christina ; Hammond, Claudia ; Eccles, Alice ; Richins, Matthew T. ; Qualter, Pamela (2022). Exploring the nature and variation of the stigma associated with loneliness. Journal of Social and Personal Relationships 39 (9), 2658–2679. DOI : 10.1177/02654075221087190.
Boehme, Blake A. E. ; Kinsman, Laura M. ; Norrie, Holden J. ; Tessier, Eric D. ; Fleming, Shaun W. ; Asmundson, Gordon J. G. (2024). Climate Anxiety : Current Evidence and Future Directions. In : Current Psychiatry Reports 26 (11), 670–677. DOI : 10.1007/s11920-024-01538-9.
Bücker, Susanne (2022). Die gesundheitlichen, psychologischen und gesellschaftlichen Folgen von Einsamkeit. Hg. Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V./Kompetenznetz Einsamkeit (KNE Expertisen, 10), https://kompetenznetz-einsamkeit.de/download/2879/ (Stand : 05.03.2026).
Farrell, Ann H. ; Vitoroulis, Irene ; Eriksson, Mollie ; Vaillancourt, Tracy (2023). Loneliness and Well-Being in Children and Adolescents during the COVID-19 Pandemic : A Systematic Review. In : Children (Basel, Switzerland) 10 (2). DOI : 10.3390/children10020279.
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Wong, Nichol M. L. ; Yeung, Patcy P. S. ; Lee, Tatia M. C. (2018). A developmental social neuroscience model for understanding loneliness in adolescence. In : Social neuroscience 13 (1), S. 94 –103. DOI : 10.1080/17470919.2016.1256832.
Autor
Dr. Janosch Schobin ist Soziologe und aktuell wissenschaftlicher Mitarbeiter von Kompetenznetz Einsamkeit am Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V., Co-Autor des Einsamkeitsbarometers des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend ( BMBFSFJ ) und des Buches « Zeiten der Einsamkeit ». Seine Forschungsgebiete liegen in der Einsamkeitsforschung und der Freundschaftssoziologie.