Social Media
Ich teile in diesem Beitrag meine persönlichen Erfahrungen als Influencerin : wie ich früher mein Leben und meine Gedanken offen online gezeigt habe, welche Einsamkeit Social Media manchmal mit sich bringt und wie ich im Laufe der Jahre gelernt habe, zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre zu balancieren. Ich erzähle, wie Verbundenheit, Vergleich und Selbstschutz meinen Alltag und meine Arbeit prägen – und was es für mich bedeutet, sichtbar zu sein und trotzdem ich selbst zu bleiben.
Zwischen Vergleich und Zugehörigkeit
Aus meiner Erfahrung heraus zeigt sich, dass Einsamkeit auf Social Media immer wieder präsent ist. Jedoch kommt es darauf an, wie man Social Media nutzt und wie anschliessend mit den Gefühlen, die der Content auslöst, umgegangen wird. Einerseits kenne ich das Gefühl des Vergleichens und der Selbstabwertung, ganz egal, ob der Content von Fremden oder aus dem Umfeld kommt. Diese Art der Machtlosigkeit kann dafür sorgen, dass man sich sehr einsam fühlt. Andererseits können Menschen, die sich im echten Leben einsam fühlen, online Zugehörigkeit zu finden.
In meinem Umfeld beobachte ich, dass Social Media einen Raum für Austausch über Interessen schaffen, wie das Sammeln von Figuren, Pokémon-Karten oder die Begeisterung für Mode und Popkultur, aber auch über aktivistische Themen wie Feminismus und Queerness. Richtig eingesetzt fördern Social Media Verbundenheit absolut. Gleichzeitig können sie auch das Gefühl hervorrufen, zu wenig zu erleben, zu haben oder zu machen. An diesem Punkt erinnere ich mich gerne an die Anfänge von Social Media. Da war ich elf Jahre alt und machte die Erfahrung, dass stärker im Vordergrund stand, Momente aus dem Alltag mit dem engen Umfeld zu teilen, eine Community zu finden, und dass es weniger darum ging, einen kompletten Lebensstil zu promoten.
Aus beruflicher Sicht hat das sicher damit zu tun, dass Plattformen heute immer stärker auf Sichtbarkeit, Reichweite und Aufmerksamkeit ausgerichtet sind und sich mit einer professionellen Nutzung auch Geld verdienen lässt. Gleichzeitig hängt der Erfolg stark davon ab, dass man eine Community aufbaut und in den Menschen Gefühle auslöst, sie vielleicht auch in Aspekten ihrer Einsamkeit abholt. Um diese Art von nachhaltiger Verbindung zu schaffen, braucht es seitens der Creator:innen viel Offenheit und auch Wertschätzung gegenüber den Menschen, die einem zuschauen, Feedback geben und sich in einem gesehen fühlen.
Ich bin davon überzeugt, dass der soziale Nutzen solcher Plattformen gross ist und dieses Sich-gesehen-Fühlen auch im Alltag zu mehr Selbstbewusstsein führen kann. Beispielsweise kann man durch Content über sogenannte Tabuthemen neue Perspektiven kennenlernen und durch Austausch neue Haltungen einnehmen. Der Schlüssel zu einem positiven Social-Media-Nutzen ist auf jeden Fall Selbstverantwortung : sich bewusst dabei zu beobachten, welche Inhalte man aus welchen Gründen konsumiert, und sich aus einer gefühlten Abwärtsspirale zu holen. Dazu zählt für mich, negativ behafteten Content und dessen Creator:in radikal auszumisten und meinen Algorithmus auf den Content zu trainieren, der mir wirklich gefällt.
Heute, wo ich Social Media nicht mehr nur konsumiere, sondern aktiv damit meinen Lebensunterhalt verdiene, fühle ich meine Einsamkeit nicht mehr aufgrund der Postings anderer und des latenten Vergleichs, sondern finde sie Einsamkeit eher in meinem Alltag. Auch das Gefühl, in gewisser Weise in Konkurrenz zu anderen Creator:innen zu stehen, kann sehr einsam machen. Besonders wenn man sich immer wieder in Vergleichen verliert und seinen Erfolg an den erreichten Zahlen misst.
Es ist in der Branche nicht so selbstverständlich, dass man in einen Austausch kommt und sich gegenseitig unterstützt, so empfinde ich es zumindest. Wenn sie einmal gefunden sind, sind Freundschaften in der Influencer:innenwelt deshalb umso bedeutender für mich und meine Arbeit. Während man in der regulären Arbeitswelt mal ein Meeting hat oder sich mit Kolleg:innen austauscht, mit denen man privat vielleicht nicht ganz klickt, aber dennoch für die Arbeit etwas aus einem Gespräch mitnehmen kann, erlebe ich in meiner Branche eher das Gegenteil. Seit meiner Selbstständigkeit bin ich weniger gezwungen, meine Komfortzone zu verlassen. Der Grossteil der Kommunikation läuft per Mail. Herausfordernde persönliche Begegnungen sind selten geworden – und genau diese alltäglichen Kontakte fehlen spürbar. Selbst wenn ich online ständig sichtbar und scheinbar viel in Interaktion bin, nehme ich mich in meinem Arbeitsalltag eher als isoliert wahr. Ich treffe Entscheidungen alleine, bade Konsequenzen alleine aus, setze meine Ziele alleine und feiere Fortschritte alleine.
Nähe mit Grenzen
Zu Beginn waren meine Internetpersönlichkeit und meine echte Persönlichkeit identisch. Mit viel Freude und auch Naivität teilte ich sowohl meine Gedanken als auch meinen Alltag, in dem ich mich zu diesem Zeitpunkt ziemlich einsam fühlte. Ich liess meine Community teilhaben am Prozess hin zu eigenen Antworten auf die Fragen, die ich mir im Leben stellte. Mit den Jahren hat sich meine Internetpersönlichkeit, also das, was ich von mir teile, in einer klareren Form herausgebildet. Der grosse Spass am Content-Erstellen und die zahlreichen positiven Rückmeldungen darauf haben mir den Blick darauf verbaut, dass ich gerade auch ein Stück meiner Privatsphäre aufgeben hatte. Im Gegenteil hatten mich das positive Feedback in Form von Kommentaren, Likes und herzlichen Privatnachrichten dazu ermutigt, immer noch mehr zu teilen. Themen wie mentale Gesundheit und die Anstrengungen des Erwachsenwerdens, mit denen sich viele identifizieren können, sind der ideale Nährboden für parasoziale Beziehungen. Ich wurde zunehmend mit dieser einseitigen emotionalen Bindung konfrontiert und weiss heute auch, dass sie massgeblich zu meinem Erfolg beigesteuert hat.
Nicht nur deshalb sehe ich in dieser Verbindung zwischen mir und den Zuschauenden auch Positives. Denn ich glaube, dass Social Media in gewissen Momenten ein Gefühl von Nähe vermitteln, das möglicherweise im Alltag mit Menschen aus dem engen Umfeld schwerer aufzubauen ist. Bestimmt ist man auch wegen der gegebenen Anonymität als Social-Media-Konsument:in etwas weniger verletzlich. Schliesslich kenne ich die Person meist nicht face-to-face, mit der ich mich online identifiziere. Wenn Menschen mir schreiben, dass sie sich in meinen Gedanken oder Erfahrungen wiederfinden, zeigt es mir, dass durch das Teilen von persönlichen Themen tatsächlich Verbundenheit entstehen kann. Gerade bei Themen wie mentale Gesundheit oder den Unsicherheiten des Erwachsenwerdens habe ich oft das Gefühl, dass sich viele Menschen weniger alleine fühlen, wenn sie merken, dass andere ähnliche Fragen oder Gefühle haben, und dass es auch helfen kann, wenn diese Personen nicht aus dem eigenen engen Umfeld kommen.
Gleichzeitig bleibt mir bewusst, dass diese Nähe nur eine bestimmte Form von Einsamkeit lindert. Diese Verbindung kann unterstützend sein und ein Gefühl von Gemeinschaft schaffen, ersetzt aber keine echten gegenseitigen Beziehungen im Alltag.
Für mich war es war spannend wahrzunehmen, wie leicht es mir fiel, mit Tausenden Menschen als Masse verletzliche Momente zu teilen. Im Eins-zu-eins-Kontakt jedoch, beispielsweise wenn ich auf der Strasse von einer mir fremden Zuschauerin darauf angesprochen wurde, wie es denn jetzt um meine Ängste stehe, fühlte ich mich nicht verbunden, sondern unwohl – auch wenn ich mich gleichzeitig darüber freute, dass sich andere mit meinen geteilten Erfahrungen identifizieren konnten. Meine Bereitschaft, Persönliches zu teilen, wurde kleiner, während mein Wunsch nach Privatsphäre wuchs.
Sichtbar und dennoch allein
Während steigende Zahlen auf den ersten Blick eigentlich auf weniger Einsamkeit verweisen, habe ich auch das Gegenteil erlebt. Einerseits ist man in der Branche stärker vernetzt – man wird zu Events eingeladen, ist für Kooperationen relevant und wird aus geschäftlicher Sicht wahrgenommen. Die Community wächst und die wachsende Anzahl an erreichten Menschen öffnet den Raum für einen grossartigen Austausch mit viel Tiefe und Verbundenheit. Die häufigste Begleiterscheinung des Influencens – der Hate – hat sich bisher für mich in Grenzen gehalten. Beleidigende Kommentare fürs Stehenlassen meiner Beinhaare oder das Kritisieren meiner politischen Meinung lassen sich gut verkraften. Erstaunlicherweise ist das Feedback auf meinen Content während Jahren ziemlich konstant geblieben, und ich habe das Gefühl, mit meiner Community zu wachsen.
Im echten Leben hingegen häuften sich negativere Erfahrungen. Zeitweise fühlte es sich mit meinen Bekannten an, als würde mehr über mich statt mit mir gesprochen. Mir wurde bewusst, dass mir die Leute aus dem weiteren sozialen Umfeld ganz genau auf die Finger schauten, und ich lernte meinen engen Freund:innenkreis, die zwischen Lin und Celenovela zu unterscheiden wussten, umso mehr zu schätzen.
Vom offenen Buch zur bewussten Auswahl
Während ich über Jahre herauszufinden versuchte, welcher Content sich für mich stimmig anfühlt und was ich als Celenovela bei den Zuschauenden überhaupt auslösen möchte, veränderte sich mein Content und ich wurde automatisch weniger intim mit der Onlinewelt. Ich hatte nicht mehr den Selbstanspruch, immer mein authentischstes Ich auf Social Media zu teilen. Meine Bestrebungen, Privates wie meinen Beziehungsstatus oder aktuelle mentale Herausforderungen für mich zu behalten und stattdessen eher über meine Interessen und Freuden zu sprechen, liessen mich aufatmen und gaben mir wieder ein Gefühl von Kontrolle, die in den ersten Social-Media-Jahren zunehmend verschwunden war. Gleichzeitig fühlte es sich manchmal so an, als wäre ich nicht ganz ehrlich und als würde von mir erwartet werden, mich stets verletzlich zu zeigen.
Über die Jahre wurde ich erwachsener und fand besser zu mir selbst. Ich erwartete nicht mehr, dass ich und meine Internetpersönlichkeit völlig identisch sein müssen. Gleichzeitig wurde meine private Persönlichkeit in gewisser Weise verletzlicher und bedachter. Sowohl der Wunsch nach Intimsphäre als auch das Bewusstsein meiner Verantwortung als Content Creator:in rückten in den Vordergrund, wodurch ich automatisch weniger Verletzliches von mir teilte.
Nicht zuletzt hat sich meine Internetpersönlichkeit im Laufe der Zeit klarer herausgebildet und mir wurde bewusst, dass diese nicht weniger real ist als früher – auch wenn ich heute ausgewähltere Momente meines Lebens mit dem Internet teile. Und der Rest meines Alltags, den ich für mich behalte, ist nicht weniger spannend oder bedeutend oder schön.
Kontrolle (zurück)gewinnen
Es ist für mich zentral, dass ich Ambivalenzen zulassen kann : akzeptieren, dass sich die Dinge ständig verändern und dass beides gleichzeitig da sein kann. Um weniger durch das Urteil anderer beeinflusst zu sein, habe ich auf beruflicher Ebene gelernt, erst dann von meinen persönlichen Herausforderungen zu erzählen, wenn etwas für mich abgeschlossen ist. Ich akzeptiere, dass das, was ich poste, sich in diesem Moment stimmig anfühlt, aber in einem halben Jahr mir vielleicht nicht mehr vollständig entspricht. Dabei ist es für mich wichtig, den Druck rauszunehmen und in den Erfolgen und Ansprüchen liebevoll mit mir selbst zu sein. Dass ich mir eine Community aufgebaut habe, in der ich mich wohlfühlen darf. Eine, die respektvoll mit mir umgeht und mit der ich gemeinsame Interessen und Gedanken teilen kann, wenn ich es möchte. Dass es kein Muss ist, sich ständig verletzlich zu zeigen, und dass ich mir immer wieder vor Augen führen kann, warum ich mit der Content Creation angefangen habe und dass ich in der Hand habe, was ich poste. Dass sich der Content verändern darf und wie wichtig es gleichzeitig ist, meine Arbeit nicht von Zahlen bestimmen zu lassen, sondern meinen Fokus darauf zu legen, wie ich langfristig Spass an Social Media haben kann und wie ich es schaffe, bei den Leuten, die meinen Content konsumieren, ein gutes Gefühl zu hinterlassen.
Ich darf nicht zu hart zu mir selbst sein, sondern annehmen, dass ich in jedem Moment mein Bestes gebe und dass es vollkommen okay ist, wenn ich nicht mehr über alles spreche, was die Leute über mich interessiert.
Als Social-Media-Konsumentin hilft es mir, regelmässig meine Follows auszusortieren : Content und Personen, die in mir wiederholt schlechte Gefühle auslösen, dürfen weg. Lieber Freundschaften pflegen und mit Freund:innen über tieferliegende Themen sprechen, und das in einem Rahmen, in dem ich auch mal etwas Unbedachtes sagen kann, ohne danach darauf reduziert zu werden. Fehler machen und sich dabei kennenlernen. Echte Verbindungen pflegen – ebenso wie die Verbindung zu mir selbst, und dabei zu wissen, dass ich nie wirklich alleine bin.
Autorin
Lin Barricella ist Influencerin und teilt unter dem Namen Celenovela inspirierende Inhalte zu Lifestyle, Ästhetik und persönlichen Themen auf verschiedenen Social-Media-Plattformen.