Public Health
Einsamkeit ist weit verbreitet, doch wirksame Lösungen sind rar. Forschende, auch am Institut für Bio- und Medizinethik der Universität Basel, suchen seit Jahren nach Ansätzen, die wirklich helfen. Doch weil Einsamkeit aus dem Zusammenspiel von persönlichen Erfahrungen, sozialen Beziehungen und Umwelt entsteht, ist das gar nicht so einfach.

Verschiedene Massnahmen im Umgang mit Einsamkeit
In der Forschung werden Massnahmen zur Prävention und Verringerung von Einsamkeit als direkt oder indirekt und gemäss der Ebene, auf der sie wirken, unterschieden. Massnahmen zur Prävention und Verringerung von Einsamkeit können auf individueller Ebene, Gemeindeebene sowie auf der gesellschaftlichen Ebene wirken. Gruppenangebote zum Trainieren sozialer Kompetenzen oder Eins-zu-eins-Angebote wie Psychotherapie sind auf individueller Ebene angesiedelt. Massnahmen auf der Gemeindeebene können Verbesserungen der Infrastruktur mit Fokus auf das Miteinander sein, wie es durch das Einrichten von verkehrsberuhigten «Superblocks» in Basel-Stadt bereits in zwei Quartieren ausprobiert wird. Hier wird der Autoverkehr reduziert, um Anwohner:innen und Passant:innen das Verweilen in den Aussenarealen zu ermöglichen und hierdurch den Austausch und das Gemeinschaftsgefühl zu stärken. Massnahmen auf gesellschaftlicher Ebene sind die Rahmenbedingungen, die Auswirkungen auf jeden Einzelnen haben, wenn auch nicht immer offensichtlich. Hierzu zählen gesellschaftliche Normen oder Gesetze, die zu Diskriminierung und Marginalisierung beitragen oder diese verringern. So kann das Gefühl, einsam zu sein und nicht dazuzugehören, beispielsweise durch häufigere Polizeikontrollen aufgrund des Aussehens («racial profiling») oder diskriminierende Kommentare über die eigene Lebensweise oder Religion verstärkt werden. Diese strukturellen Einflüsse auf das Einsamkeitserleben lassen sich jedoch nur schwer messen.
Indirekte Massnahmen beeinflussen das Einsamkeitserleben auf Umwegen. Beispiele hierfür sind Quartiertreffs mit Angeboten wie einem offenen Mittagstisch oder die mobile Jugendsozialarbeit mit Gesprächsangeboten und Freizeitaktivitäten für Jugendliche. Wenn junge Menschen diese Angebote in Anspruch nehmen, können neue soziale Kontakte entstehen, ohne dass je explizit das Thema Einsamkeitsprävention im Raum steht. Direkte Massnahmen hingegen setzen ganz konkret am Einsamkeitserleben an. Sozialarbeiter:innen, Psychotherapeut:innen oder Fachkräfte in Schulen können in Einzel- oder Gruppensitzungen aktiv mit von Einsamkeit betroffenen Menschen an deren sozialen Kompetenzen oder Denkmustern arbeiten, wie zum Beispiel «Andere wollen gar keine Zeit mit mir verbringen, ich habe eh nichts Interessantes beizutragen». In Vereinen oder wohltätigen Organisationen können Ehrenamtliche oder Fachpersonen mit einsamen Menschen an sozialen Zielen arbeiten, wie dem Beitritt zu einem Verein oder einer Sportgruppe. In Grossbritannien werden auch Fachpersonen aus dem Gesundheitswesen geschult zu erkennen, ob Menschen von Einsamkeit betroffen sein könnten. Dann kann beispielsweise die Hausärztin Betroffene entsprechend beraten und auf bestehende Angebote hinweisen. Denn um überhaupt erst an den Punkt zu kommen, nach Angeboten zu suchen, müssen Betroffene ihr Einsamkeitserleben als Problem wahrnehmen und selbst aktiv werden wollen. Dieser Schritt vom Erkennen des Bedarfs hin zu einer möglichen Lösung ist jedoch gar nicht so einfach. Und in der grossen Vielfalt psychosozialer Unterstützungsangebote, die möglicherweise nicht alle einen expliziten Bezug zum Thema Einsamkeit haben, kann es für Betroffene herausfordernd sein, das für sie passende Angebot zu finden. Denn selbst wenn Interesse besteht, erreichen wirksame Massnahmen ihr Zielpublikum nur, wenn sie systematisch vernetzt und in der Öffentlichkeit ausreichend bekannt sind.
Ernüchternde Forschungsergebnisse
Auch wenn es inzwischen eine breite Masse an Massnahmen zur Prävention und Reduktion von Einsamkeit gibt, sind die Forschungsergebnisse ernüchternd. Grosse Erfolge bleiben bisher aus. Studien fokussieren häufig direkte Massnahmen, deren Einfluss auf das Einsamkeitserleben sich leichter messen lässt. Besonders Massnahmen, die an der eigenen Bewertung der Erfahrung arbeiten, wie Kursformate oder Psychotherapie, können das Einsamkeitserleben bedeutsam reduzieren. Auch Massnahmen, die spezifisch auf die Bedürfnisse einzelner Gruppen ausgerichtet sind, wie Achtsamkeitskurse für Krebspatient:innen, scheinen das Einsamkeitsniveau der Teilnehmenden deutlich senken zu können. Hier verbirgt sich eine zentrale Herausforderung im Umgang mit Einsamkeit : Je besser Massnahmen auf spezifische Bedürfnisse einzelner Gruppen zugeschnitten sind, desto weniger gut passen sie für die allgemeine Bevölkerung.
Massnahmen, die tatsächliche Möglichkeiten für soziale Interaktionen schaffen, bewirken zumindest in statistischen Auswertungen eher kleine Effekte. Es geht also nicht primär darum, Kontaktmöglichkeiten herzustellen, sondern auch um eine Reflexion der eigenen Haltung. Dabei soll aber das eigene Empfinden nicht verleugnet werden. Vielmehr können neue Denkweisen und Perspektiven das Erleben anderer, auch positiver Erfahrungen im Miteinander mit anderen Menschen ermöglichen.
In Gesprächen mit Menschen aus der Schweiz zu deren Erfahrungen mit Einsamkeit zeigt sich der Facettenreichtum ihres Erlebens. Manche fühlen sich einsam, weil sie nicht in einer romantischen Beziehung sind oder keine Verwandten oder beste Freund:innen haben, mit denen sie ihren Alltag teilen können. Andere sind in einer romantischen Beziehung oder haben eine feste Bezugsperson, mit denen sie sich über intime Themen austauschen können, hätten aber gern einen grösseren Freundeskreis. Auch die zeitliche Dimension kann eine wichtige Rolle spielen : Einsamkeit kann in bestimmten Lebensphasen auftreten und Menschen motivieren, sich mehr mit sich auseinanderzusetzen, den Kontakt zu anderen zu suchen oder neue Hobbys aufzunehmen. Wenn junge Menschen für Ausbildung oder Studium in eine neue Stadt ziehen, kann ein gewisses Mass an Einsamkeit für diese Lebensphase vorübergehend auch eine angebrachte Reaktion sein.
Die Suche nach wirksamen Massnahmen scheitert somit nicht nur an fehlender Evidenz, sondern auch an der Annahme, Einsamkeit sei ein einheitliches Phänomen. Denn eine einzelne Intervention kann der geschilderten Vielfalt und Komplexität kaum gerecht werden. Und eine Massnahme, die aus Forschungsperspektive im Schnitt keinen grossen Einfluss auf das Einsamkeitserleben hat, kann für einzelne Menschen trotzdem einen erheblichen Unterschied machen. Der Facettenreichtum, der die Einsamkeit zu einem so spannenden Forschungsgegenstand macht, erschwert zugleich einen wirksamen Umgang mit ihr. Allgemeine Angebote können nicht für alle Betroffenen gleich hilfreich sein, unterschiedliche Arten von Einsamkeit brauchen unterschiedliche Massnahmen. Einfache Lösungen, wie eine Pille gegen Einsamkeit, gibt es deshalb nicht. Strukturelle Massnahmen, die auf gesellschaftlicher Ebene ansetzen und den Zusammenhalt stärken oder Menschen vor sozialem Ausschluss schützen wollen, könnten einen bedeutsamen Einfluss haben, sind allerdings deutlich schwerer zu erforschen und umzusetzen.
Weitere Herausforderungen und Fazit
Eine weitere Schwierigkeit im Umgang mit Einsamkeit ist das Ansprechen der jeweiligen Zielgruppen. Nicht immer gelingt es, mit wirksamen Massnahmen die Menschen zu erreichen, die besonders von Einsamkeit betroffen sind. Viele Angebote und Massnahmen sind nicht für alle Menschen gleich zugänglich. So können Gruppenangebote für jene Menschen weniger zugänglich sein, die auch im Alltag häufiger durch die physische Umwelt daran gehindert werden, mit anderen in Kontakt zu kommen, weil beispielsweise ein barrierearmer Zugang zum Gruppenraum fehlt. Auch eine Sprachbeschränkung, da Angebote nur in einer spezifischen Landessprache angeboten werden, kann dazu führen, dass Menschen ausgeschlossen werden, die sich in dieser Sprache nicht so gut artikulieren können und hierdurch schon im Alltag weniger an der Gemeinschaft teilhaben können. So erreichen die Massnahmen diejenigen weniger, die sowieso häufiger ausgeschlossen und somit oft mehr von Einsamkeit betroffen sind. Einsamkeitserfahrene Menschen aus der Schweiz betonen, dass Einsamkeit in einem gewissen Mass auch eine positive Erfahrung sein kann. Hier kann der eigene Umgang mit herausfordernden Situationen geübt und aus der gefühlten Leere heraus etwas Neues entstehen. Frühere, auch leidvolle Erfahrungen mit Einsamkeit können zu einer Kompetenz werden, von der in neuen, herausfordernden Situationen, wie es die Covid-19-Pandemie beispielsweise war, gezehrt wird.
Letztlich ist Einsamkeit ein so vielfältiges Thema, dass es keine einzelne Massnahme gibt, die Abhilfe schaffen kann. Es braucht ein differenziertes Verständnis von Einsamkeit, damit verschiedene Massnahmen, die an verschiedenen Ebenen ansetzen, ein Umfeld schaffen, in dem sich verschiedene Menschen mit ihren individuellen Erfahrungen als Teil der Gemeinschaft erleben können.
Autorin
Annika Rohrmoser studierte Psychologie. Neben ihrer psychotherapeutischen Tätigkeit am Universitätsklinikum Freiburg im Breisgau forscht und arbeitet sie am Institut für Bio- und Medizinethik der Universität Basel mit ihren Kolleg:innen Gemma María García Calderó, Hannah Bolt, Michael Rost und Helene Seaward unter Leitung von Professorin Bernice S. Elger im Projekt INCLUDE zu Einsamkeit.