Portraits

Ein Beitrag von Dina Sambar
Journalistin, Basler Zeitung

Belinda (25) : «Es tut irgendwie weh.»

Von aussen betrachtet, führt Belinda* ein ausgefülltes Leben. Die 25-Jährige arbeitet als Pflegefachfrau in Basel. Zu ihren Eltern hat sie engen Kontakt. Doch hinter dieser Fassade schlummert ein Gefühl, das sich Belinda lange selbst nicht eingestehen wollte : Einsamkeit. «Es ist eine Sehnsucht, eine Traurigkeit, und es tut irgendwie weh», beschreibt es die junge Baslerin. 

Zu dieser Erkenntnis kam sie während eines Klinikaufenthaltes vor zwei Jahren. Ihre Mitpatientinnen erhielten regelmässig Besuch von Freund:innen. Sie sei, ausser von ihrer Familie, nie besucht worden. «Da wurde mir bewusst : Ich habe keine Freunde, die Teil meines Lebens sein wollen oder an deren Leben ich teilhaben darf. Ich bin einsam.»

Sich das einzugestehen, sei nicht einfach gewesen, sagt Belinda : «Ich war von der Vorstellung geprägt, dass einsame Menschen alt und komplett alleine sind.» Sie selbst – jung, ständig unter Menschen, mit scheinbar allen Möglichkeiten, Freunde kennenzulernen – passte nicht in dieses Bild. «Immer wieder stellte ich mir die Frage : Darf ich überhaupt einsam sein? Ich hatte das Gefühl, ich habe nicht das Recht dazu.»

Belinda sah es als persönliches Versagen, dass sie es nicht schaffte, tiefe freundschaftliche Beziehungen mit Gleichaltrigen aufzubauen : «Ich habe mich geschämt und tue es ehrlich gesagt manchmal heute noch. Vor allem, wenn ich befürchte, dass andere denken, ich sei selber schuld», sagt die junge Frau und fügt an : «Was ist, wenn ich tatsächlich nicht normal genug bin? Wenn ich nicht dazu passe?»

An Wochenenden, wenn sie allein zuhause sitzt, ist das Gefühl der Einsamkeit besonders stark. Auf den sozialen Medien beobachtet sie, wie junge Leute gemeinsam genau jene Dinge tun, die sie selbst so vermisst : Städtetrips, Treffen, Ausgang. Es gebe ein Trendwort, das ihr Gefühl in solchen Momenten gut beschreibe, sagt die 25-Jährige : «FOMO – Fear of Missing Out, also die Angst, etwas zu verpassen.» In Belindas Fall ist es die Angst, ihr Leben zu verpassen : «Wenn ich in fünf Jahren zurückschaue, werde ich mich kaum daran erinnern, allein auf dem Sofa eine Kappe gehäkelt zu haben. Einen Ausflug auf die Wasserfallen mit einer Freundin würde ich aber sicher nicht vergessen.» Nur, da sei eben niemand, mit dem sie solche Erinnerungen schaffen könne.

Zwar hat Belinda eine gute Beziehung zu ihrer Familie, doch den Freundeskreis kann diese nicht ersetzen. «Es fühlt sich für mich nicht richtig an, mit 25 Jahren die Freizeit nur mit den Eltern zu verbringen», sagt Belinda. Sie möchte sich lösen, eigenständig sein. Ihr fehlt die Qualität von Freundschaften mit Gleichaltrigen, mit denen sie beispielsweise auch mal an eine Party gehen kann. «In der Familie ist und bleibt man immer das Kind. Aber Freundschaft ist etwas anderes, da kann man Dinge teilen, die man zuhause nicht erzählen würde.»

Diese Lücke ist für Belinda umso schmerzhafter, als sie weiss, wie sich gute Freundschaften anfühlen : «In meiner Primarzeit hatte ich eine sehr enge Freundin. Wir waren fast symbiotisch.» Doch als Belinda mit siebzehn wegen einer Depression in einen anderen Kanton zog und vier Jahre in einem Jugendheim lebte, verlor sie die ehemaligen Schulfreund:innen aus den Augen. Zurück in Basel, fand sie den Anschluss nicht mehr. Auch einige kurze Liebesbeziehungen konnten die verlorenen Freundschaften nicht kompensieren.

Heute gibt es nur eine Person, die sie Freundin nennen würde : ihre ehemalige WG-Mitbewohnerin, die sie etwa alle zwei Wochen trifft. Obwohl Belinda das Bedürfnis hätte, häufiger anzurufen, traut sie sich nicht : «Das ist meine einzige Freundin. Ich habe immer Angst, dass es ihr zu viel werden könnte oder dass ich aufdringlich bin.»

Denn aufdringlich sein möchte Belinda auf keinen Fall. Das wird jedes Mal deutlich, wenn sie von ihren Kontaktversuchen erzählt. «Ich hatte beispielsweise eine Arbeitskollegin, mit der ich mich gut verstand. Deshalb habe ich die Initiative ergriffen und sie gefragt, ob sie mit mir Mittagessen oder nach der Arbeit etwas trinken ginge», erzählt die 25-Jährige. Obwohl die Arbeitskollegin positiv reagierte, kam das Treffen nie zustande. «Ich habe immer wieder nachgefragt und gemerkt, dass nichts zurückkommt. Irgendwann gibt man auf.» Es sei ein Teufelskreis, sagt Belinda : «Beziehungen sind ein Geben und Nehmen. Wenn alle meine Bemühungen ins Leere laufen, bestätigt das meine Selbstzweifel, meine Angst, nicht gut genug zu sein.» Danach sei es für sie noch schwieriger, auf Menschen zuzugehen.

Keine Freunde zu haben, mache es zusätzlich schwer, neue gleichaltrige Freunde zu finden, sagt Belinda : «Um in den Ausgang zu gehen und neue Menschen kennenzulernen, braucht man jemanden, der mitkommt. Allein gehe ich nicht.» Erschwerend sei hinzugekommen, dass ihre Rückkehr nach Basel in die Zeit der Corona-Pandemie fiel, in der persönliche Kontakte generell eingeschränkt waren. «Ich war in Basel tatsächlich noch nie im Ausgang», sagt die 25-Jährige.

Die üblichen Tipps wie «Suche dir ein Hobby» oder «Geh in eine Selbsthilfegruppe» kann sie nicht mehr hören : «Ich weiss ja theoretisch, was helfen könnte. Es ist die Umsetzung, die schwierig ist.» Sie habe alle diese Ratschläge schon ausprobiert : «In der Selbsthilfegruppe habe ich keine Freundschaften geknüpft, sondern bin wegen meines beruflichen Hintergrunds in eine therapeutische Rolle verfallen » Auch der Versuch, in einem Gartenverein Anschluss zu finden, scheiterte : «Die Gruppe war schon aufeinander eingeschworen. Ich hatte das Gefühl, nicht dazuzugehören.»

Das Gefühl, nicht dazuzugehören – das hört man bei Belinda immer wieder. In ihrer Sekundarschulzeit sei sie ausgegrenzt worden : «Ich glaube, diese Mobbing-Erfahrung führt noch heute zu Angst vor neuen sozialen Interaktionen.» Neue Menschen kennenzulernen, brauche für sie viel Mut. «Eigentlich kann ich mir bei diesem Einsamkeitsgefühl nur selbst helfen», sagt Belinda. Eine Begleitung fände sie jedoch hilfreich. «In Vereinen könnte ich mir ein Götti-System vorstellen. Jemand, der in der Anfangsphase hilft, die anderen Leute kennenzulernen.» Die gesamte Gesellschaft, die Belinda als immer gespaltener empfindet, umkrempeln zu wollen, hält sie hingegen für utopisch.

Seit Belinda ihre Einsamkeit als Gefühl akzeptiert hat, spricht sie offen darüber. Diesen Tipp gibt sie auch anderen Betroffenen : «Es normalisiert dieses Gefühl. Ich merke, dass es okay ist, einsam zu sein. Ich muss es nicht mehr wegdrücken. Das verringert meine Scham.»
Sie hofft, dass auch dieser Artikel dem Thema mehr Aufmerksamkeit verschafft. So werde der breiteren Gesellschaft bewusst, dass Einsamkeit nicht nur ein Problem älterer Menschen ist und oft hinter einer scheinbar perfekten Fassade verborgen bleibt.

*Name geändert

Eva (29) : «Ich lebe in einer Parallelwelt.»

Wenn Eva* an die Zeit vor Februar 2023 zurückdenkt, beschreibt sie ein Leben, in dem Einsamkeit kaum vorkam. In ihrer Kindheit war sie als Jüngste von vier Geschwistern fest in ihr familiäres Netz eingebettet. Auch in der Schule hatte sie Freundinnen und Freunde. 

Dann zog sie mit 18 nach Basel, um zu studieren. Das war das erste Mal, dass die heute 29-Jährige eine Form von Einsamkeit spürte. «Es war schwierig. Ich kannte niemanden, musste neue Freundschaften schliessen und mich komplett neu orientieren», erinnert sie sich. «Am Anfang war das schon hart. Ich habe mich verloren gefühlt», sagt Eva. 

Dieser Zustand war jedoch nicht von langer Dauer : «Ich hatte nie Mühe, Kontakt mit Menschen zu knüpfen. Nach einer gewissen Zeit war ich auch in Basel wieder sozial fest eingebunden.» Sie lebte in einer tollen WG und hatte neue Freundinnen und Freunde, ging in den Ausgang und an Konzerte, wanderte und tanzte viel. Nach dem Studium fand sie Arbeit und lernte ihren Freund kennen. 

Doch dann kam der Bruch. 2023 steckte sich Eva mit dem Coronavirus an. Was als akute Infektion begann, entwickelte sich zu Long Covid, mit den Langzeitfolgen massive Erschöpfung und Konzentrationsstörungen. «Es hat mich aus dem Leben gerissen», sagt Eva. Anstatt im Beruf durchzustarten, fand sie sich in ihrem Elternhaus wieder. Sechs Monate verbrachte sie dort, körperlich am Limit. Duschen war eine Anstrengung, die maximal einmal pro Woche möglich war. Den Rest der Zeit lag sie bleiern erschöpft und mit Gliederschmerzen im Bett. «In dieser Zeit musste ich gezwungenermassen viele Beziehungen kappen. Ich hatte keine Ressourcen mehr dafür. Ich befand mich im Überlebensmodus.»

Nach einem Jahr verbesserte sich ihr Zustand leicht. Eva konnte zurück in ihre WG nach Basel ziehen. Doch das Gefühl der Isolation blieb. «Ich fühlte mich auch dort allein. Meine Mitbewohnerinnen genossen den Sommer, gingen in den Rhein schwimmen und an Partys. Ich sass daheim und wartete, bis der Tag vorbei ist», sagt Eva und fügt an : «Es war nicht unbedingt das Alleinsein an sich, sondern die Tatsache, dass ich von gewissen Dingen ausgeschlossen war. Es ist kein gutes Gefühl, wenn alle am 1. August gemeinsam im Innenhof sitzen und ich das Gelächter von unten höre, während ich oben im Bett liege.» Obwohl sie Freunde hatte, fühlte sie sich einsam. Sie hätte sich gewünscht, dass ihre Freundinnen und Freunde mehr auf ihre Situation eingehen : «Eine Möglichkeit wäre gewesen, das Programm auf mich anzupassen. Bei einem Filmabend hätte ich beispielsweise dabei sein können», sagt sie.

Eva leidet bis heute an Long Covid. Auch das Gefühl der Einsamkeit ist geblieben. «Ich lebe wie in einer Parallelwelt. Auch wenn ich mittlerweile für kurze Zeit wieder an ein Fest gehen kann, stehe ich irgendwie daneben, fühle mich nicht verbunden», erzählt die junge Frau. Denn während die anderen unbeschwert feiern können, muss sie ihre Energie wie eine Buchhalterin verwalten und immer darauf achten, sich nicht zu übernehmen : «Alles, was ich mache, hat einen Preis. Im Hinterkopf bleibt die ständige Sorge vor dem nächsten Zusammenbruch. Ich muss immer abwägen, wann es zu viel wird. Mich einfach treiben zu lassen, ist nicht mehr möglich.» 

Evas Alltag hat sich aufgrund ihrer Krankheit radikal verlangsamt. Er folgt einem Rhythmus, den ihr Körper diktiert. Ihre Tage sind viel kürzer geworden. «Ich brauche zehn bis vierzehn Stunden Schlaf jede Nacht», sagt Eva. Manchmal muss sie sich am Nachmittag noch ein, zwei Stunden hinlegen. «Weil ich so viel schlafe, habe ich das Gefühl, dass meine Lebenszeit kürzer ist.» In den wachen Stunden erledigt sie das Nötigste, kann mittlerweile auch einen Termin wahrnehmen, einen Kaffee trinken oder kurz spazieren gehen. 

Anders als bei vielen Berufstätigen oder Studierenden ist bei Eva die Einsamkeit unter der Woche am präsentesten. Während ihr Umfeld einer Arbeit oder Hobbys nachgeht, ist der Gegensatz zum Leben, das sie eigentlich führen möchte, am grössten. «Ich will die Hoffnung auf Besserung nicht aufgeben. Gleichzeitig ist der Vergleich mit meiner früheren Version aber schmerzhaft und blockiert mich in meiner Zufriedenheit», sagt Eva. Sie arbeitet daran, die aktuelle Situation zu akzeptieren und die schönen Momente wertzuschätzen – beispielsweise jene mit ihrem Freund, der sie durch alle Höhen und Tiefen der Krankheit begleitet hat : «Wir wohnen nah am Rhein.

Einmal haben wir einen Ausflug mit der Fähre auf die andere Rheinseite gemacht. Das war wunderschön. Solche Momente erhalten eine Bedeutung, die im gesunden, hektischen Alltag oft verloren geht», sagt Eva.

In den ruhigen, oft einsamen Stunden zuhause wird das Smartphone zu ihrem Fenster zur Welt. Ihre Beziehung zu den sozialen Medien ist ambivalent : «Es gibt Momente, in denen ich auf dem Handy endlos am Scrollen bin. Doch wenn ich ehrlich bin, hilft das überhaupt nicht. Es tut weh, zu sehen, dass das Leben draussen einfach weiter geht, die Leute sich treffen, gemeinsam reisen, an Partys feiern oder ihren Hobbys nachgehen können», sagt Eva. Das raubt ihr Energie und hinterlässt kein gutes Gefühl. Andererseits ist ihr Instagram-Feed inzwischen voll mit Profilen von chronisch kranken Menschen. «Es hilft zu sehen, dass ich nicht allein bin mit meiner Situation, dass es auch andere Menschen gibt, die einen schlechten Tag haben. So fühle ich mich nicht mehr so ausgeschlossen mit meiner Krankheit», sagt Eva. Denn sie sieht sich mit Themen konfrontiert, den meisten Gleichaltrigen fremd sind.

Was die junge Frau belastet, ist die fehlende systemische Unterstützung. Sie fühlt sich im medizinischen und bürokratischen Dschungel allein gelassen : «Im Kampf mit Versicherungen und beim Versuch, neue wirksame Medikamente ausprobieren zu dürfen, ist man auf sich allein gestellt», sagt sie und fügt an : «Ich würde mir jemanden wünschen, der mich an die Hand nimmt. Eine Anlaufstelle, die Perspektiven bietet und hilft, die bürokratischen Hürden zu meistern.» Hürden, für die sie momentan kaum Energie hat. «Das Ganze verstärkt meine Einsamkeit. Ich fühle mich dann leer, schwer, traurig, hilflos und ängstlich. Ich habe Angst davor, wie es mit meinem Leben weitergehen wird», sagt Eva.

Momentan prüft die Invalidenversicherung (IV), ob Eva einen Anspruch auf Rente hat. Zudem würde sie gerne wieder arbeiten : «Ich glaube, zwanzig bis dreissig Prozent wären möglich, wenn ich es über die Woche verteilen kann.»

Eva wünscht sich nicht nur ihre Gesundheit zurück, sondern auch einen gesellschaftlichen Wandel, in dem Long-Covid-Betroffene wie sie selbst nicht vergessen werden und Menschen sich wieder mehr verbinden und verbunden fühlen.

*Name geändert

Fabian (20) : «Manchmal sitze ich auf der Bettkante und weine.»

Hin und wieder lässt Fabian* seinen Gedanken freien Lauf und erschafft sich eine Realität, in der er nicht einsam ist. In dieser Wunschvorstellung gehört er zum englischen Landadel des 19., 20. Jahrhunderts. Durch Geburt, so stellt er es sich vor, wäre er Teil einer eng verbundenen Gesellschaftsschicht : «Ich verbinde mit diesen Gedanken das Gefühl von Zusammenhalt. Ich würde dazu gehören, wüsste genau, was meine Stellung in der Gesellschaft ist, hätte festen Halt und eine Heimat», sagt Fabian. 

Diese Zugehörigkeit suchte der 20-Jährige auch, als er letztes Jahr mit grossen Erwartungen nach Basel zog. Im Kopf hatte er das Bild eines ausgefüllten Studentenlebens : lernen, viele Feste, neue, interessante Freunde und keine Einsamkeit mehr. «Ich dachte : Das wird jetzt meine Heimat.» Doch seine Realität sieht anders aus. 

Abends ist er fast immer alleine in seiner kleinen Einzimmerwohnung. «Ich bin gerne alleine. Ich brauche das, um meine Gedanken zu ordnen. Doch jetzt bin ich nicht nur allein, sondern auch einsam », sagt Fabian. Besonders traurig findet er es, immer alleine zu essen : «Beim Essen kommt man zusammen. Essen ist Kommunikation.» Die kritischste Zeit ist für Fabian der Abend : «Manchmal würde ich gerne Schach spielen. Doch da ist niemand. Manchmal sitze ich einfach auf der Bettkante und weine.»

Um die Einsamkeit zu dämpfen, flüchtet er an den Wochenenden in die leere Wohnung seines Vaters. «Ich habe an der Uni neue Leute kennengelernt. Doch die kennen sich alle schon aus der Sekundarschule. An den Wochenenden gehen sie mit früheren Kolleginnen und Kollegen in einem anderen Kanton an Partys», sagt Fabian. Ihm fehlt der Mut, sich selbst einzuladen : «Ich weiss nicht, wie ich den Zugang finde. Die sozialen Gruppen scheinen alle in sich geschlossen zu sein.»

Auch an der Universität fühlt er sich oft fremd. «Ich komme mir vor wie ein Hochstapler. In meinem Jus-Studium kommen viele Studierende aus sehr wohlhabenden Familien. Ich habe immer ein bisschen das Gefühl, ein Parasit zu sein, der sich zwar zurecht findet, aber nicht dazugehört.» 

Das Gefühl der Einsamkeit beschreibt er als eine «existenzielle Verzweiflung», die fast körperlich weh tut. Es sei eine Mischung aus Trauer und Wut, «auch Wut auf mich selbst, weil ich das doch aus eigener Kraft durchbrechen können müsste, es aber nicht schaffe.» Und dann sei da noch die Angst, dass dieses Gefühl nie mehr weggeht.

Schon als Kind lebte Fabian im Zwiespalt zwischen zwei Welten. Seine Eltern liessen sich scheiden, als er vier Jahre alt war. Fabian lebte bei der Mutter. «Die Beziehung mit meiner Mutter war sehr eng. Wir haben fast schon symbiotisch gelebt, was schlecht war», sagt Fabian. Er habe sehr viel Verantwortung übernehmen müssen : «Ich hatte oft nicht die Rolle des Kindes, sondern die Rolle der erwachsenen Person», sagt er. Wenn Dinge im Alltag schief liefen, spürte er die Last auf seinen Schultern.

Seinen Vater sah er alle zwei Wochen, doch emotional blieb er unerreichbar : « Er ist im Patriarchat verhaftet und fordert Unterordnung», sagt Fabian. Sowohl bei der Mutter wie auch beim Vater fehlte ihm die elterliche Geborgenheit. Hinzu kam, dass er bereits im Kindergarten spürte, dass er anders war als die anderen Kinder : «Ich erinnere mich, dass ich mich damals schon alleine gefühlt habe.» 

Diese frühe Isolation prägte seine Schulzeit nachhaltig. Als Ersatz suchte er Halt in äusserer Ordnung. «Ich wurde zum Perfektionisten, weil mir das eine Struktur gab, die ich daheim nicht erhalten habe», sagt der 20-Jährige. Er habe alles verabscheut, was nicht normkonform war, und verpetzte auch sofort alle Mitschüler, die gegen die Regeln verstiessen : «Ich war eine Petze. Das hat natürlich nicht dabei geholfen, um mich meinen Mitschülern anzunähern.»

Fabian flüchtete sich täglich stundenlang in die digitale Welt. In Computergames suchte er nach der Bestätigung und sozialer Interaktion, die er im echten Leben nicht fand. Doch auch diese Welt blieb schal. Zwar spielte er mit anderen, doch tiefe Gespräche gab es kaum. Rückblickend bezeichnet er diese Zeit als «extrem ungesund», eine Sucht, die seine soziale Isolation nur noch verstärkte.

Mit 15 Jahren kam der Zusammenbruch. Es ging ihm psychisch so schlecht, dass er freiwillig in eine Klinik ging und der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) einen Brief schrieb, um eine Fremdplatzierung zu erreichen. 

Er kam in eine betreute Wohngemeinschaft, wo er gemeinsam mit anderen Jugendlichen wohnte. «Am Anfang habe ich mich dort wohl gefühlt», erzählt Fabian. Doch bald kam wieder das alte Gefühl hoch. Er war anders, gehörte nicht dazu. Sie waren mit ganz anderen Themen beschäftigt als ich. «Ich war der Einzige, der das Gymnasium besuchte. Während ich mich für Theater, Literatur und Politik begeisterte, brachten die anderen belastende Erfahrungen wie Drogen oder häusliche Gewalt mit», sagt Fabian. 

Ein wesentlicher Teil seiner Einsamkeit rührt auch von seiner lange unterdrückten Identität her. «Typischen Männerdinge wie Fussball spielen, haben mich nie interessiert. Doch ich versuchte, krampfhaft mich an die Erwartungen von Männlichkeit anzupassen.» Er zwang sich zu Freundschaften mit Jungen, die zwar nett und lustig waren, mit denen er aber keine tiefere Verbindung spürte. «Es hat immer etwas gefehlt.»

Auch sein Coming-out und der Eintritt in die Gay-Community brachten nicht die erhoffte Erlösung. «Das moderne Dating, besonders Apps und die Hookup-Kultur, diese unverbindlichen sexuellen Abenteuer ohne emotionale Bindung, sind mir teilweise sehr fremd», sagt Fabian. «Ich habe es ausprobiert und im Moment auch cool gefunden. Doch es tut mir nicht gut.»

Der gut gemeinte Ratschlag, er solle «doch einfach unter Leute gehen», hilft ihm gar nicht. Denn gerade wenn er sich an den Rhein oder in ein Café setzt, um zu lesen, wird ihm seine Isolation schmerzhaft bewusst. «In Berlin oder London gehe ich in eine Bar und komme mit neuen Freunden heraus. Doch in der Schweiz schaffe ich es nicht, wildfremde Personen anzusprechen.» Er sei dann mitten im Stimmengewirr und Leben, und breche innerlich fast zusammen : «Am Schlimmsten ist es, wenn ich ein schwules Paar sehe», sagt Fabian. Manchmal gehe er gar nicht erst raus, aus Angst in der Öffentlichkeit zu weinen. 

Es ist nicht so, dass der 20-Jährige keine Freundschaften hat. Sie seien aber alle zeitlich oder thematisch sehr begrenzt. «Ich wünsche mir eine tiefe Verbundenheit mit jemandem, der an meinem Leben teilnimmt und an dessen Leben ich teilnehmen darf.»

Fabian reflektiert viel, auch mit professioneller Hilfe. Obwohl er sich immer noch oft einsam fühlt, hat sich etwas verändert : «Ich habe gemerkt, ich bin genug. Ich bin mir selbst ein genauso guter Begleiter wie jede andere Person. Diese Erkenntnis war eine Offenbarung.»

*Name geändert

Autorin

Nach ihrem Studium der Kommunikationswissenschaften und Journalistik in Fribourg stieg Dina Sambar 1999 in den Journalismus ein. Sie arbeitete als Radio-, TV- und Zeitungsjournalistin für diverse Medien. Seit 2007 schreibt sie für die Basler Zeitung. Ihr Fokus liegt auf gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Themen. Dabei interessieren sie besonders die menschlichen Schicksale und vielschichtigen Geschichten, die sich hinter nüchternen Fakten und Zahlen verbergen.