Philosophie
«Verlassenheit und Einsamkeit sind nicht dasselbe, obwohl es die Gefahr jeder Einsamkeit ist, in Verlassenheit umzuschlagen, so wie es die Chance jeder Verlassenheit ist, zur Einsamkeit zu werden. In der Einsamkeit bin ich eigentlich niemals allein; ich bin mit mir selbst zusammen, und dies Selbst, das niemals zu einem leiblich unverwechselbar Bestimmten werden kann, ist zugleich auch jedermann.»
Hannah Arendt

Selbstempfängnis
Eine Apologie der Einsamkeit
Ist Einsamkeit ein Gefühl? Oder handelt es sich dabei um einen körperlichen Zustand? Ich habe einen dritten Vorschlag, nämlich Einsamkeit als eine Fähigkeit zu betrachten. Eine Fähigkeit, die gelernt, geübt, aber auch verlernt werden kann. Ich schlage vor, dass eine Gesellschaft, die auf Gleichheit unter ihren Mitgliedern und auf kontinuierlichem Gespräch gründet, diese Fähigkeit voraussetzt. Eine Gesellschaft, die stets das Ganze im Blick hat, ohne den Einzelnen zu vernachlässigen. Und der Einzelne, der in der Rückwendung auf sich entdeckt, dass er nicht allein ist, sondern sich selbst als das Ganze anspricht. Ich verstehe Einsamkeit also nicht als Widerfahrnis oder als ein Leid, sondern als eine Tätigkeit. Etwas, was wir vollziehen, wenn wir in der Lage sind, in einen Dialog mit uns selbst zu treten. Ist diese Fähigkeit schlecht entwickelt, dann wird das Alleinsein zu Leid und kann zu Verlassenheit führen. In der Verlassenheit hat sich der Einzelne auch von sich selbst getrennt. Er ist dann nicht mehr ein Einzelner.
Einsamkeit als Fähigkeit
Angenommen, Einsamkeit wäre kein Gefühl, sondern eine Fähigkeit – worauf beruhte sie dann? Inwiefern können wir dann von einer Fähigkeit sprechen? Das Wort «fähig» geht auf das Bedeutungsfeld «imstande sein zu fassen» und «empfänglich» zurück. Etymologisch ist das Wort mit dem Verb «fangen» verwandt. Wenn Einsamkeit also eine Fähigkeit sein soll, dann fragt sich, was die Einsamkeit «fängt» und wofür sie empfänglich ist. Es müsste etwas sein, das sie bereit ist aufzunehmen und zu empfangen. Etwas, was ihr fehlt. Aber auch etwas, das sie kennt – sonst könnte sie nicht wissen, dass sie es braucht. Eine bestimmte Fähigkeit ist aus dem gebildet, womit sie umgeht ; es bildet ihr spezifisches Können aus. Die Fähigkeit ist dialogisch angelegt. Wir können deshalb fragen, womit die Einsamkeit im Dialog steht.
Die einfachste Antwort lautet, dass der oder die Einsame mit sich selbst im Dialog steht. Der Sinn des Wortes ist gerade, dass der oder die Einsame allein mit sich ist und nicht im Gespräch mit anderen steht. Die Fähigkeit der Einsamkeit wird ausgeübt von dem Selbst, das einsam und für sich in seiner Tätigkeit ist.
Diese abgeschlossene Struktur der Einsamkeit hat sicher zu ihrem schlechten Ruf beigetragen, der die Debatte heute beherrscht. Es kann der Eindruck entstehen, dass es sich bei der Einsamkeit um ein geschlossenes System handelt, in dem sich der oder die Einsame im Kreis dreht und dadurch immer weiter von der Gesellschaft abdriftet. Zu dieser Auffassung hat Martin Luther mit seiner Warnung vor der Einsamkeit beigetragen. Im kurzen Text «Warum Einsamkeit zu fliehen [sei]?» ( 1534 ) erinnert Luther an eine Bibelstelle, die besagt, dass es für den Menschen nicht gut sei, allein zu sein. Die Einsamkeit bereite nicht nur Schwermut und Traurigkeit, sondern führe den Menschen auch in Sünde und Versuchung. So habe der Teufel Eva im Paradies in ein Einzelgespräch verwickelt und zum Biss in den Apfel der Erkenntnis verführt. Auch Christus sei vom Teufel auf die Probe gestellt worden, als er allein in der Wüste war.
Für Luther stellt das Alleinsein die Brutstätte des Bösen dar. Der oder die Einsame bewegt sich in einer Abwärtsspirale. Er folgert eines aus dem anderen und deutet alles zum Ärgsten. Deshalb sollen wir uns Luther zufolge vor der Einsamkeit schützen und stattdessen die Gemeinschaft unter anderen suchen, die uns vor dem Abdriften bewahren.
Wenn wir Luther recht geben, dann wäre die skizzierte Fähigkeit der Einsamkeit kein erstrebenswertes Gut. Es scheint, als ob Luther denkt, dass wir uns in der Einsamkeit im Kreis bewegen und die fehlende Korrektur von aussen uns degenerieren lässt. Stimmt das? Sind wir unfähig, ein kritisches Selbstgespräch zu führen, ein Gespräch, das etwas Neues hervorbringen kann? Und sind wir in der Rückwendung auf uns selbst wirklich allein?
Zwei in Einem
Es ist kein grosser Schritt erforderlich, um zu entdecken, dass ich kein einfaches Selbst bin, sondern mit mir in einem Zwiegespräch stehe. Die scheinbar einfache Frage : «Wer bin ich?» löst eine innere Zweiheit aus. Ich bin derjenige, der fragt, und derjenige, der antwortet. Ich kann antworten, indem ich aufliste, was ich von mir weiss. Wahrscheinlich rekurriere ich dabei auf vieles, was «man» über mich sagen würde : auf mein Alter, meine Körpergrösse und weitere Merkmale wie Haar- und Augenfarbe, die mich identifizieren. Indem ich lauter Eigenschaften aufzähle, kann ich durch eine Art Selbstwahrnehmung feststellen, dass die innere Stimme, die jene Eigenschaften sucht und festhält, selbst anwesend ist. Ich frage erneut : «Wer ist diese Stimme?», und antworte, dass ich sie bin. Ich bin die fragende und die antwortende. Ich bin mit mir zusammen in Gemeinschaft.
Hannah Arendt (1906–1975) hat die Einsamkeit in ihrem philosophischen Hauptwerk Vita activa (1958) auf den Punkt gebracht : «Einsamsein heißt mit sich selbst zusammensein». Mit wem bin ich genau zusammen? Arendt hat die Entdeckung gemacht, dass wir uns in der Einsamkeit aufspalten und mit uns selbst im Widerspruch stehen. Wir sind, solange wir allein sind, nicht eine Person, sondern wir sind Pluralität. Selbst wenn ich ganz allein leben würde, lebte ich ständig im Zustand der Pluralität. Erst in der Gesellschaft anderer Menschen werde ich zu Einem. Arendt kehrt die Verhältnisse von Einheit und Vielfalt gerade um. Das Gespräch mit anderen reisst mich heraus aus dem Selbstgespräch und macht mich zu Einem – einer Person mit einer klaren Identität. Arendt versteht Einsamkeit nicht nur als individuellen Zustand, sondern misst ihr politische Bedeutung zu. Der Ursprung der Pluralität liegt demnach nicht in der Gesellschaft, sondern in der Einsamkeit des Einzelnen.
Einsamkeit und Verlassenheit
Die Bedeutung der Einsamkeit wird in der Unterscheidung zwischen Einsamkeit und Verlassenheit sichtbar. In der Verlassenheit sind wir laut Arendt nicht nur von der Gesellschaft abgestossen, wir haben auch uns selbst verlassen.
Denken ist eine Tätigkeit, die wir nur allein verrichten können. Einsamkeit beschreibt die Situation, in der wir unsere eigene Gesellschaft sind. Verlassen bin ich dagegen, wenn ich allein bin, ohne mich in zwei aufspalten zu können ; wenn ich unfähig bin, mir selbst Gesellschaft zu leisten. Heute wird Einsamkeit des Öfteren mit Verlassenheit verwechselt. Verlassenheit, nicht Einsamkeit ist Voraussetzung für totalitäre Herrschaft. Erst derjenige, der sich selbst bereits verlassen hat, ist in der Lage, in letzter Konsequenz Taten zu vollziehen, die ihn zwingen, nicht nur das eigene Leben, sondern die eigene Person, die Ehre und das Andenken an sich zu opfern.
Der erste Schritt in die Verlassenheit ist der Ausschluss aus der Gesellschaft. Ist die ausgeschlossene Person nicht mehr fähig, den Zwiespalt der Einsamkeit zu realisieren, dann tritt der Zustand der Verlassenheit ein und daraus folgt, wie Arendt in Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft schreibt, dass sie nicht mehr in der Lage sei, Selbst und Welt, und das heisst echte Denkfähigkeit und echte Erfahrungsfähigkeit, aufrechtzuerhalten. Beide, Selbst und Welt, gehen dann zugrunde.
Zerrissenheit
Die neuzeitliche Philosophie entdeckt die Unbestimmtheit des Menschen und damit die Verantwortung jedes Einzelnen vor sich selbst. Wenn der Mensch eine Bestimmung haben soll, muss er sie sich selbst geben. Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard (1813–1855) hat die innere Unbestimmtheit des Menschen als Zerrissenheit beschrieben. Wie oben erläutert, sieht Arendt den Menschen in der Einsamkeit mit der eigenen Zwiespältigkeit konfrontiert. Auch für Arendt ist der Einzelne unbestimmt. Er ist vielstimmig und offen. Kierkegaards Beschreibung der inneren Unbestimmtheit ist dramatischer und unangenehmer.
Die Erfahrung der inneren Zerrissenheit bezeichnet Kierkegaard als Verzweiflung. Die Verzweiflung hält das Subjekt der Einsamkeit wach, rüttelt es und erinnert es an die eigene Unbestimmtheit ; sie fordert uns auf, uns zu bestimmen. Nun sehen wir uns, so Kierkegaard, vor zwei sich gegenseitig ausschliessende Alternativen gestellt. Einerseits wollen wir von uns selbst, so, wie wir geboren und geworden sind, loskommen. Wir erleben uns in der inneren Unbestimmtheit von den physischen Gegebenheiten beschränkt. Vielleicht, weil wir uns in unserem Körper nicht wohlfühlen, uns nicht mit unserem Geschlecht identifizieren können oder mit unserer Rolle in der Familie. Kurz, wir wollen eine andere Identität, andere Fähigkeiten, andere Aufgaben, und wir fangen an uns vorzustellen, was wir alles sein könnten. In dieser Suche nach einem idealen Selbst lauert die Gefahr, dass wir ein «fantastisches» Bild von uns malen. Das Selbst verflüchtigt sich dann mehr und mehr, bis es sich ganz auflöst und von einem ausgedachten Konstrukt abgelöst wird. Kierkegaard nennt diesen Prozess eine «Verunendlichung». Die Endlichkeit, in der ich mich vorfinde und eingeschränkt empfinde, wird aufgelöst, das heisst, sie wird «verunendlicht».
Andererseits kann die Tendenz der Selbstauflösung im Streben nach unendlichen Möglichkeiten die Sehnsucht nach Endlichkeit auslösen. Der Pendelschlag schlägt dann in die entgegengesetzte Richtung. Wir fügen uns der Bedingtheit der Existenz, erfüllen unsere Aufgabe in der Gesellschaft, geniessen Anerkennung und Ansehen. Wir legen Geld zur Seite und hoffen auf eine vorzeitige Pensionierung.
Erneut verlieren wir uns selbst und wir verzweifeln, jetzt aber an der Endlichkeit. Kierkegaard verdeutlicht, dass es sich auch hier um Verzweiflung handelt, auch wenn sie in dieser Form meistens nicht bewusst erlebt wird.
Selbstverhältnis
Was sind wir denn, wenn die Verzweiflung getilgt ist? Offensichtlich nicht auf der Flucht vor uns selbst. Wir wollen uns nicht vor uns selbst verbergen, noch verlieren wir uns in der Illusion, indem wir uns eine abstrakte Vorstellung von unserem Selbst machen.
Kierkegaard bietet mit seiner berühmten Formel aus der Schrift Die Krankheit zum Tode eine Lösung : «Das Selbst ist ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält». Versuchen wir, diese voraussetzungsvolle formelhafte Bestimmung zu verstehen. Der Mensch ist aus entgegengesetzten Momenten gebildet wie Unendlichkeit und Endlichkeit, Freiheit und Notwendigkeit, Ewigkeit und Zeitlichkeit. Erst die Synthese aus diesen allgemeinen Doppelbestimmungen macht ihn aus.
Kierkegaards Formel sagt nun, dass wir etwas anderes sind als diese Doppelbestimmungen, nämlich das, was sich zu diesen Bestimmungen verhält. Er sagt also nicht, dass wir die Synthese dieser Bedingtheiten sind : «[D]as Selbst ist nicht das Verhältnis, sondern dass sich das Verhältnis zu sich selbst verhält.» Wir können noch folgern, dass wir selbst die Synthese herstellen, dass wir also nicht fertiges Produkt sind, sondern nur Bestand haben in einer Eigentätigkeit und nicht aufgrund einer Substanz.
Eine verblüffende Idee, dass wir nicht etwas Festumrissenes und Fertiges sind, sondern vielmehr stets in der Tätigkeit gebildet werden, die sich in der Synthese zwischen den beiden Doppelbestimmungen entfaltet. Unsere Identität ist demnach nicht stabil, sie geht stets aus der Zweiheit neu hervor. Die Identität ist so gesehen Zweiheit in der Einheit, um auf Hannah Arendts Ausdruck zurückzukommen. Ohne dass wir uns zu uns verhalten, würden wir auseinanderfallen in reiner Faktizität einerseits und abstrakter Transzendenz andererseits.
Am Anfang habe ich die Frage nach der Einsamkeit als Fähigkeit verstanden und nicht als Gefühl. Mithilfe einiger Bruchstücke aus dem Denken von Arendt und Kierkegaard bin ich zu einem vorläufigen Ergebnis gekommen : In der Einsamkeit wenden wir uns einem Selbst zu, das wir noch nicht kennen, aber empfangen wollen. Wir sind es selbst, die uns zugleich hervorbringen und empfangen. Wir sind nie fertig und abgeschlossen ; es ist ein fortwährendes Geborenwerden. Die Einsamkeit ist die Hebamme.
Literatur
Arendt, Hannah (1967), Vita Activa oder Vom tätigen Leben, München.
Arendt, Hannah (1986) : Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, Totalitarismus, München.
Arendt, Hannah (2019) : Sokrates. Apologie der Pluralität, Berlin.
Kierkegaard, Søren (2025), Die Krankheit zum Tode, Stuttgart.
Luthers Werke für das christliche Haus ( 1891), D. Buchwald et al. (Hg.), Bd. 6, Braunschweig.
Theunissen, Michael (1991), Das Selbst der Verzweiflung. Kierkegaards negativistische Methode, Frankfurt am Main.
Autor
Johannes Nilo, freischaffender Kurator und Archivar, lebt und arbeitet in Basel. Er studierte Philosophie und Kunstgeschichte an der Universität Basel und arbeitet derzeit an einem Promotionsprojekt zum Thema praktisches Selbstbewusstsein.