Gesundheit
Der vorliegende Artikel gibt aus klinischer Erfahrungsperspektive Einblick in den Behandlungsalltag der Frühinterventionstagesklinik für Adoleszente (FIT) der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK). Er beschreibt, wie eine Einsamkeits-sensible, integrierte tagesstationäre Behandlung aussehen kann und inwiefern dieses Behandlungssetting Chancen für korrektive soziale Erfahrungen, Einsamkeitsreduktion und die Förderung von Resilienz bietet. Dabei wird Einsamkeit als leidvoller, subjektiver Zustand verstanden, der uns signalisiert, dass ein grundlegendes menschliches Bedürfnis nach Zugehörigkeit nicht erfüllt ist.
Einsamkeit als Faktor in der tagesklinischen-psychotherapeutischen Behandlung von Adoleszenten
Im November 2024 eröffneten die Klinik für Kinder und Jugendliche und die Klinik für Erwachsene der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK) gemeinsam eine Frühinterventionstagesklinik (FIT) für Adoleszente. Das Angebot richtet sich an 15- bis 25-Jährige mit teilweise noch unspezifischen Belastungssymptomen und fokussiert auf die Bewältigung entwicklungsbezogener Aufgaben. Die Erfahrungen aus dem ersten Betriebsjahr der FIT zeigen – in Übereinstimmung mit der aktuellen Studienlage –, dass viele der adoleszenten Patient:innen von Einsamkeit betroffen sind. Obwohl Einsamkeit oft nicht der primäre Grund für eine Behandlungsaufnahme in der FIT ist und selbst in chronifizierter Form keine eigenständige diagnostizierbare Störung darstellt, gebührt ihr hohe Aufmerksamkeit in der Behandlung. Einsamkeit hat vielfältige Ursachen und kann sowohl Auslöser, Begleiterscheinung als auch Folge psychischer Krisen sein. Besonders häufig tritt sie in Zusammenhang mit depressiven Erkrankungen auf. Da es sich bei Einsamkeit um eine subjektive Erfahrung handelt, lässt sie sich durch die Selbstauskunft der Betroffenen im Rahmen eines klinischen Gespräches oder mittels validierter Skalen ( z.B. Kölner Skala zur Messung von Einsamkeit) erfassen.
Einsamkeit kann enormes Leiden verursachen und in der kritischen Lebensphase der Adoleszenz zudem – etwa durch ihre negativen Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl – die Bewältigung anstehender Entwicklungsaufgaben beeinträchtigen.
«Es ist wie beim Rheinschwimmen : Die anderen ziehen in der Mitte des Flusses an mir vorbei, –während ich in einer Untiefe festsitze. Soviel ich auch schwimme und strample – ich bewege mich nicht vom Fleck.»
(A., 17-jährig)
Wer weshalb auf der FIT behandelt wird
In der Adoleszenz müssen in kurzer Zeit zahlreiche Entwicklungsaufgaben angegangen werden, die sowohl eine gesellschaftliche als auch eine entwicklungspsychologische Basis haben und das Individuum in komprimierter Form herausfordern. In dieser hochsensiblen Lebensphase – die geprägt wird von Identitätsfindung, Anforderungen der Ausbildung, der Ablösung vom Elternhaus, dem Eingehen neuer sozialer Beziehungen sowie dem Erleben von sozialem Druck und ersten Krisen – bietet die FIT gezielte Unterstützung.
Nach der Anmeldung bei der FIT wird ein Vorgespräch mit den Leitungspersonen der FIT geplant. In diesem Rahmen findet ein erstes gegenseitiges Kennenlernen statt. Erwartungen werden geklärt, die Passung des Behandlungsangebotes mit den individuellen Bedürfnissen geprüft und mögliche Behandlungsziele gemeinsam formuliert.
Im Rahmen dieses ersten Einblickes in die Lebenssituation der Betroffenen wird häufig deren eingeschränkte Lebens- und Erfahrungswelt augenscheinlich. Viele sind nicht nur von subjektivem Einsamkeitserleben, sondern auch von objektiver sozialer Isolation betroffen, oft in Zusammenhang mit rückzügigem Verhalten. Seit längerer Zeit gehen sie keiner Ausbildung nach und verfügen über keine Tagesstruktur. Dieses Unterbeschäftigt- und Alleinsein geht oft einher mit einem ausgeprägten Einsamkeitserleben, das nahezu sämtliche relevanten Lebens- und Erfahrungsräume tangiert. Während die Gleichaltrigen scheinbar mühelos in Ausbildung und Beruf Fuss fassen, erleben sich FIT-Patient:innen in einer Phase der Stagnation, verbunden mit der berechtigten Sorge, «vom Leben abgehängt» zu werden. Aus Scham und aus Angst vor Stigmatisierung ziehen sie sich aus Freundschaften und Freizeitaktivitäten zurück. Auch familiäre Beziehungen werden durch die Situation belastet : Konflikte häufen sich, und es entsteht das Gefühl, alleine zu sein und von niemandem verstanden zu werden.
Aufgrund erlebter Schwierigkeiten in der Ausbildung, etwa einer abgebrochenen Schule oder Lehre, breiten sich Misserfolgserwartungen und Ängste aus, die bis hin zur vollständigen Vermeidung neuer Herausforderungen führen können. Bei vielen FIT-Patient:innen besteht dieser aversive Zustand bereits seit über sechs Monaten und erreicht hierdurch ein chronifiziertes Ausmass. Ergänzend ist zu berücksichtigen, dass sich die jungen Menschen neben den persönlichen Belastungen auch mit gesamtgesellschaftlichen dystopischen Narrativen, etwa der politischen Weltlage oder der Klimakrise, konfrontiert sehen.
Einige FIT-Patient:innen leiden zusätzlich unter depressiven Symptomen, deren Ausmass unterschiedlich ausgeprägt sein kann. Diese haben ihren Ursprung häufig in belastenden Erfahrungen aus Kindheit und Jugend. In der Folge kann es durch das Entstehen von Ängsten und Misstrauen zu sozialem Rückzug und einer Abschottung gegenüber anderen kommen. Dadurch fehlt ein zentraler Übungsraum für die Entwicklung sozialer Kompetenzen. Damit einher gehen bei den Betroffenen ein vermindertes Zugehörigkeitsempfinden sowie ein fehlendes Akzeptanz- und Anerkennungserleben, was sich entsprechend negativ auf das Selbstbild auswirkt.
«Bevor ich in die FIT eingetreten bin war mir nicht klar, wie sehr ich unter Einsamkeit leide»
(B., 18-jährig)
Wie die FIT Perspektiven schafft
Der Eintritt in die FIT stellt für die Patient:innen oft eine regelrechte Mutprobe dar, da sie sich ihren sozialen Ängsten und Befürchtungen stellen und in eine neue Gruppe integrieren müssen. Häufig genannt wird die Sorge, nicht gemocht oder abgelehnt zu werden, «komisch» zu wirken und den Zugang zu den anderen nicht zu finden. Eine weitere Herausforderung stellt die zuverlässige und pünktliche Teilnahme am Abteilungsprogramm dar, welches wochentags jeweils eine verbindliche therapeutische Tagesstruktur bietet.
Während der 16-wöchigen Behandlung findet ein Grossteil der Programmpunkte im Gruppensetting statt. Der milieutherapeutische Abteilungsalltag bietet vielfältige Aktivitäten zur Förderung von Alltags- und sozialen Kompetenzen, wie zum Beispiel gemeinsames Kochen und Essen, Bewegungsangebote, kreatives Arbeiten und Gesprächsgruppen. Die Patient:innen interagieren auf der FIT in einem überschaubaren sozialen Rahmen mit klaren Regeln, die Sicherheit geben. Sie werden ermutigt, sich in die Gemeinschaft einzugeben, aber auch bewusste Pausen einzulegen. Hierbei werden sie gecoacht durch ihr Kernbehandlungsteam, bestehend aus zwei Fachpersonen aus den Bereichen Pädagogik / Pflege und Psychiatrie / Psychologie. Die Adoleszenten werden dabei unterstützt, den geregelten Alltag zu bewältigen, Verantwortung zu übernehmen und Beziehungen konstruktiv zu gestalten. Durch den kooperativen und partizipativen Behandlungsansatz werden Autonomie und Selbstwirksamkeitserleben gefördert sowie hilfreiche und korrigierende Peer-Erfahrungen ermöglicht.
Ausgesprochen wichtige Behandlungsbausteine, gerade auch für den Ausbau sozialer Kompetenzen, sind die transdiagnostisch ausgerichteten Gruppentherapien (Start Now, Kiesler-Kreis-Training, Metakognitives Training). In strukturiertem Rahmen bieten diese mittels der gemeinsamen Diskussion vorgegebener Themen das Erleben von Austausch, Feedback, Resonanz und gemeinsamer Erfahrung. So kann die Gruppe zu einem Ort werden, wo man sich gehört, gesehen, akzeptiert und verstanden fühlt. Neben der emotionalen Ausdrucksfähigkeit und Kommunikation können die Selbstwahrnehmung und -reflexion, die Selbstregulation sowie das Selbstwertgefühl verbessert werden. Die in den Gruppentherapien erworbenen Strategien können im Umgang mit Stress, Problemen und emotionalen Herausforderungen im Alltag praktisch angewendet werden und zu einer generellen Verbesserung zwischenmenschlicher Beziehungen beitragen. Eine Gruppentherapie mit Schwerpunkt Entspannungstechniken und Achtsamkeit ergänzt das Angebot.
Individuell angepasste Ergo- und Arbeitstherapie, Klinikschule sowie der interne Sozialdienst ermöglichen die passgenaue Unterstützung im Sinne der Förderung der sozialen Teilhabe und der Übertragbarkeit in den ausserklinischen Alltag.
«Bin ich schuld an allem? Was mache ich falsch? Kann mir überhaupt geholfen werden?»
(C., 22-jährig)
Wie einsamkeitssensible Psychotherapie aussehen kann
Im Zentrum der einzelpsychotherapeutischen Gespräche stehen – ganz im Sinne einer konsequent patient:innenzentrierten Behandlung – die individuell formulierten Ziele der Betroffenen. Diese betreffen oft sämtliche Bereiche sozialer Teilhabe, Alltagsbewältigung und des sinnstiftenden Handelns, etwa : «Ich möchte fit werden für eine Ausbildung», «Ich möchte den Mut haben, Freunde zu finden», «Ich wünsche mir ein Hobby», «Ich möchte mich wieder besser fühlen können». Als übergeordnetes Ziel gilt es, die Hoffnung auf Veränderbarkeit zu fördern, den subjektiven Leidensdruck zu verringern, die Lebensqualität zu steigern und der adoleszenten Person Zukunfts- und Lebenskompetenzen zu vermitteln.
Zu Beginn der Therapie wird die individuelle Lebensgeschichte gemeinsam reflektiert : Wie sind Sie an diesen Punkt gekommen? Wann und wodurch wurde die Schwelle des Erträglichen überschritten? Erlebtes wird ohne Schuldzuweisungen einzuordnen versucht. Ein zentraler therapeutischer Schwerpunkt liegt hierbei in der Reaktivierung der Hoffnungskompetenz sowie der Förderung von Zuversicht und Optimismus als Grundlage der Selbstwirksamkeit. Ziel ist es, Inspiration, Mut, Kraft und Motivation zu entwickeln, um Schritte in Richtung einer positiven Veränderung gehen zu können. Vorhandene Ressourcen können reaktiviert oder neu entwickelt werden, um eigenverantwortlich, aber mit Unterstützung, zu verändern, was veränderbar ist. Herausforderungen können mithilfe neuer, adaptiver Bewältigungsstrategien angegangen werden. Angeregt wird zudem eine Auseinandersetzung mit den eigenen Werten («Was ist mir in meinem Leben besonders wichtig?») sowie die konkrete Planung wertebasierter Aktivitäten. So kann der Fokus schrittweise weg von der Vermeidung hin zu aktiver Lebensgestaltung verlagert und so dem Teufelskreis der Einsamkeit entgegengewirkt werden.
Die Psychotherapie bietet darüber hinaus Raum für die Entwicklung von Akzeptanz und für einen konstruktiven Umgang mit schmerzhaften Gefühlen – etwa dann, wenn eine Kluft zwischen Idealvorstellungen und deren Realisierbarkeit erlebt wird. Nicht zuletzt kann gemeinsam auch der übergeordneten Frage nach der eigenen Identität nachgegangen werden : «Wer bin ich eigentlich? Wann und wie bemerke ich, dass sich etwas richtig und stimmig anfühlt?» Dieser Prozess beinhaltet stets auch die Abgrenzung und Loslösung von relevanten anderen (Elternhaus und Peers), die Entwicklung von Autonomie sowie das Herausbilden einer eigenen Haltung und Meinung.
«Wie kann mein Leben nach der FIT gelingen?»
(B., 18-jährig)
Perspektiven für die Zeit danach
Im Hinblick auf das Behandlungsende nach insgesamt sechzehn Wochen tagesklinischer Behandlung wird grosser Wert darauf gelegt, dass die Patient:innen nicht «ins Nichts» entlassen werden. Es wird sichergestellt, dass sie über eine ausbildungs- oder arbeitsbezogene Tagesstruktur sowie über einen ambulanten Psychotherapieplatz verfügen. Bei Bedarf werden während der FIT-Behandlung Anpassungen der Wohnsituation in die Wege geleitet, sodass nach der FIT ein förderliches und stabiles Lebensumfeld gewährleistet ist. Bezugspersonen werden in den Behandlungsprozess einbezogen, um den Transfer der Fortschritte in den Alltag zu unterstützen. Zudem lernen die Patient:innen, individuelle Frühwarnzeichen zu erkennen und im Alltag erlernte Bewältigungsstrategien selbstständig anzuwenden. Darüber hinaus werden sie ermutigt und angeleitet, auch ausserhalb der FIT wieder eigene Freizeitaktivitäten aufzunehmen und private soziale Kontakte zu pflegen. Zur Verlaufsbeurteilung werden die ehemaligen FIT-Patient:innen ein Jahr nach Behandlungsende zu einem Gespräch eingeladen. Ziel ist die wissenschaftliche Überprüfung der Stabilität des Behandlungserfolges, die frühzeitige Erkennung möglicher Rückfälle sowie, sofern gewünscht und erforderlich, eine bedarfsgerechte Unterstützung der Betroffenen.
Autorin
Lic. phil. Alexandra Schwald ist klinische Psychologin und eidgenössisch anerkannte Psychotherapeutin. Seit vielen Jahren arbeitet sie im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie mit dem Schwerpunkt Adoleszenz. Sie ist leitende Psychologin an der Klinik für Kinder und Jugendliche (UPKKJ) der Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) Basel. Seit 2013 ist sie in der Co-Leitung der Jugendpsychiatrischen Abteilung (JPA) tätig, seit 2024 zudem in der Co-Leitung der Frühinterventionstagesklinik (FIT).