Geschlecht
Männlichkeit kann einsam machen. Wer aufwächst mit der Botschaft, stark, unabhängig und souverän sein zu müssen, lernt früh, Verletzlichkeit zu unterdrücken und bei Problemen auf die Zähne zu beissen. So entfremden sich Männer von sich selbst und anderen. Das wirkt sich negativ auf Gesundheit und Beziehungen aus. Deshalb ist es wichtig, einengende Männlichkeitsnormen zu erweitern.
Wer in einer Gesellschaft wie unserer aufwächst, wird der Unterscheidung zwischen Männern und Frauen einen ganz zentralen Stellenwert beizumessen lernen. Denn Geschlecht ist für uns eine der wichtigsten Ordnungskategorien überhaupt. Bei jeder Begegnung aktivieren wir innert Millisekunden – also vorbewusst – unser gesammeltes Erfahrungswissen darüber ab. Das ist zwar effizient, aber äusserst anfällig für Denkfehler jeder Art.
Mit der Aufteilung unserer Mitwelt in Frauen und Männer geht auch die Möglichkeit verloren, «einfach Mensch» zu sein. Denn sowohl die äusseren Erwartungen wie auch die inneren Bedürfnisse nach Zugehörigkeit und Anerkennung legen uns ein bestimmtes Erleben und Verhalten nahe : nämlich was kulturell als angemessen für einen «richtigen Jungen» oder ein «richtiges Mädchen» gilt. Zu unterschlagen, dass nicht alle Geschlechtskörper, Geschlechtsidentitäten und geschlechtlichen Ausdrucksformen in die Schablone «Frau oder Mann» passen, ist Teil dieser Selbstzurichtung, der wir uns ab dem Alter von zwei bis drei Jahren unterziehen.
Einsamkeit ist für alle Geschlechter ein Thema. Es kommt aber in unterschiedlichen Dynamiken zum Ausdruck :
- Weil von Frauen traditionell emotionale Zuwendung, soziale Ausrichtung und aufopferungsvolle Fürsorge erwartet wird, wirkt weibliche Einsamkeit verdächtig, defizitär oder sogar ungehörig. Dadurch ist Einsamkeit zugleich eine patriarchale Drohung. Sie winkt als «Strafe» für mangelnde «Weiblichkeit» und funktioniert als Machttechnik, um von Frauen aller Gleichstellung zum Trotz auch weiterhin unbezahlt zwischenmenschliche Arbeit einfordern zu können.
- Weil von Menschen geschlechtliche Eindeutigkeit im Erleben, Ausdrücken und Begehren verlangt wird, wirken queere Menschen auf alle verstörend, deren Selbstsicherheit durch Abweichung bedroht wird. Queerness macht einsam durch Nichtzugehörigkeit. Wer nicht dazugehört, fällt auf, muss sich rechtfertigen und erklären, dient als Projektionsfläche und Blitzableiter. Diese Stigmatisierung wirkt gleichzeitig verbindend innerhalb der queeren Minderheit. Weil der tagtägliche Umgang mit subtilen Aggressionen, Abwertungen und Ausschlüssen tief verletzend und hoch anstrengend ist, wäre es aber deplatziert, den Kitt innerhalb der Minderheit sozialromantisch zu verkitschen.
- Weil von Männern Härte, Stärke und Souveränität in jeder Lebenslage verlangt wird, lernen Jungen auf dem Weg zum Mann vor allem eins : alles vermeintlich «Unmännliche» – das Zärtliche und Weiche, das Verletzliche und Bedürftige, das Verzweifelte und Ohnmächtige, das Verträumte und Ungebändigte – zu unterlassen. Männliche Einsamkeit ist die Geschichte einer doppelten Entfremdung. Sie soll hier erzählt werden.
Zuerst die ungeschminkten Fakten (zit. nach Theunert 2023, 17 / 77) : Wer sein Leben und Selbstbild an patriarchalen Männlichkeitsanforderungen ausrichtet, stirbt früher, einsamer und bitterer. Das ist wissenschaftlich belegt. Um vorherzusagen, wie gesund und glücklich sich Männer im Alter von 80 Jahren fühlen, muss man nicht ihren Wohlstand, ihren beruflichen Erfolg, ihren IQ oder ihre Gene betrachten. Sondern ihre Beziehungen, die sie im Alter von 50 Jahren pflegen. Es müssen nicht viele sein, aber tragfähig, wesentlich und nährend.
Während die meisten männlichen Heranwachsenden im jungen Erwachsenenalter noch viele Kontakte pflegen, wird ihr soziales Netz mit der Familiengründung schnell dünner. Spätestens in der erwerbsstarken Phase des mittleren Erwachsenenalters vernachlässigt der durchschnittliche weisse cis1 hetero Mann sein soziales Umfeld. Aus Freunden werden Kollegen, aus der Ehefrau der «beste Freund». Das ist nicht nur Bequemlichkeit und individuelles Versagen, sondern auch logische Folge männlicher Sozialisation.
Weil Männlichkeitsanforderungen betonen, was Männer nicht sein, tun und / oder empfinden dürfen, kann ein Junge seiner «Männlichkeit» nie ganz sicher sein. Ein unachtsamer Moment, und schon ist die Stellung in der gleichgeschlechtlichen Peergroup gefährdet. Die Folge : Jungen errichten auf dem Weg zum Mann eine innere Zensurinstanz. «Unmännliche» Impulse müssen rechtzeitig erkannt und abgewehrt werden. Wenn Männer diese Praxis lange genug einüben, spüren sie mit der Zeit den «unmännlichen» Impuls gar nicht mehr. Sie deuten das als Zeichen ihrer «Männlichkeit». Fachleute für psychische Gesundheit deuten es als Mangel ihrer Kompetenz, sich selbst wahrzunehmen, ernst zu nehmen, zu unterstützen und auszudrücken. Das sind dummerweise exakt die Fähigkeiten, die man(n) braucht, um gesund leben, gewaltfrei kommunizieren und verlässliche Bindungen aufbauen zu können.
Bildlich gesprochen verlangt der gesellschaftliche Männlichkeitsdruck von Männern, zum Wächter und Gefangenen in Personalunion zu werden. Das ist als genialer Kniff der patriarchalen Geschlechterordnung zu würdigen. Er macht Genderpolizei und Staatssicherheit überflüssig, garantiert aber mit hoher Zuverlässigkeit, dass Männer nicht mutig oder übermütig werden. Dieser Prozess führt zu dem, was in der Fachsprache als «Verwehrung des Selbst» (Böhnisch & Winter 1993, 25) beschrieben wird, insofern Männer zwischen ihrem Eigentlichen und dem Gezeigten eine Trennwand einziehen. Nicht wenige errichten Mauern aus Beton. Durch diese Selbstdistanzierung wird Mannsein zum unlösbaren Dilemma : «Das Innen wird gesucht und gleichzeitig gefürchtet» (Böhnisch 2018, 202). Steter Begleiter ist die Angst, geltenden Männlichkeitsanforderungen nicht zu genügen. Weil diese so hoch und widersprüchlich sind, ist Scheitern anderseits unvermeidlich. Zur Angst gesellt sich so die Scham über das eigene Ungenügen. «Beschämung ist das Schmiermittel des Patriarchat » (Theunert 2023, 14).
Unrealistische Männlichkeitsanforderungen fallen auch deshalb auf einen fruchtbaren Boden, weil Jungen in den ersten zehn Lebensjahren kaum realen männlichen Rollenmodellen begegnen. Stattdessen orientieren sie sich an virtuellen Heldenfiguren aus Games, Filmen oder Sport und anderen, meist älteren Jungen. Für die Entwicklung eines realistischen männlichen Selbstbilds ist das nicht hilfreich.
Männliche Sozialisation befördert so Subjekte mit fragilem Selbstwert und widersprüchlicher Identität (zit. nach Theunert et al. 2022 : Einerseits lernen Männer ganz selbstverständlich Ansprüche einzufordern. Andererseits führt männliche Sozialisation zu einer inneren Entfremdung und ohnmächtigen Bedürftigkeit, da sich ein « richtiger Mann » seelisch und sexuell nicht selbst nähren kann / darf. Ihre Fragilität und Verletzlichkeit dürfen Männer aber auch nicht zeigen, weil damit ein zentraler Grundpfeiler ihres männlichen Selbstverständnisses wegbrechen würde. Es stehen ihnen zwar alternative Bewältigungsstrategien zur Verfügung – zum Beispiel die Inszenierung von Souveränität und Autonomie oder die Abwertung derer, die man(n) braucht. Die sind jedoch nicht wirklich nachhaltig.
Das Ausblenden-Müssen von Unsicherheit, Bedürftigkeit, Fragilität und Verletzlichkeit erleben Männer als Gewalt an sich selbst (Kaufmann 1996). Sie sind in diesem Sinn durchaus reale Opfer von Gewalt. Doch sie können – um die Fassade der Männlichkeit aufrechtzuerhalten – nicht sehen, dass sie sich diese Gewalt selbst antun. Wenn männliche Sozialisation als Erfahrung beschrieben werden muss, sich selbst gewaltsam zum Opfer der eigenen Männlichkeitsnormen zu machen, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass erwachsene Männer später die nach innen gerichtete Gewalt nach aussen projizieren und / oder richten. Sie nehmen diese Gewalt gegen Frauen, Fremde und andere Männer – nachvollziehbar, aber nicht gerechtfertigt – als «ausgleichende Gerechtigkeit» wahr.
Diese Spannungsfelder vergrössern sich, da sich die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Anforderungen an Männer verändern, zunehmen, widersprüchlicher werden und immer mehr situative Intelligenz einfordern, um im gegebenen Moment und Kontext angemessen zu handeln. Nur ein Teil der Männer nimmt die Herausforderung an und sucht eigenmotiviert nach einer Neugestaltung dessen, was die Geschlechterforschung als «männliches Selbstverhältnis» – also wie sich der einzelne Mann zu den kulturellen Männlichkeitsnormen verhält – beschreibt. Viele finden sich in einer Lähmung wieder, andere im passiven Widerstand. Immer mehr gehen auch in den offenen Kampf. Rund ein Drittel der Männer nimmt sich in ihrer Männlichkeit als bedroht wahr. Das gilt insbesondere für die Generation der jungen Männer (Fischer et al. 2024), die in digitalen «Manosphere» mit der Botschaft gross geworden ist, Männlichkeit bedeute Money, Muskeln, Misogynie. Empirische Daten belegen : Das Streamen von Filmen und Serien, das häufige Verfolgen von Influencern und Youtubern, intensiver Pornokonsum und häufiges Online-Dating hängen mit einem schlechteren Gesundheitszustand, einer geringeren Lebenszufriedenheit und erhöhter Einsamkeit zusammen (Wolfert & Quenzel 2022, 113).
In dieser Situation ist es wenig hilfreich, mit dem Finger auf diese Männer zu zeigen und sie als «toxisch» zu brandmarken. Denn ihr Verhalten und ihre Überzeugungen sind zwar toxisch. Das ist aber nicht Ausdruck ihrer gewalttätigen Natur (das wäre eine essentialistische Unterstellung, die genauso falsch ist wie die Annahme, Männer seien von Natur aus für das Kämpfen und Frauen von Natur aus für das Kümmern zuständig), sondern Ausdruck ihrer Bereitschaft, sich, auch mangels Alternativen, in ihrer männlichen Identitätsentwicklung auf toxische Männlichkeitsnormen zu beziehen. Der kritische Blick auf Männlichkeitsnormen verortet das Problem dort, wo es tatsächlich entsteht : in strukturell angelegten und kulturell vermittelten Vorstellungen patriarchaler Männlichkeit, die Gewalt begünstigen, Gesundheit gefährden – und Einsamkeit im Innen und Aussen fördern :
- Die innere Einsamkeit speist sich aus der Erfahrung der Nicht-Verbundenheit mit der eigenen Innenwelt. Sie erscheint mir nicht als sicherer Hafen, sondern als ein Gefahrenherd, als Heimstatt meiner Ängste, als Kerker meiner verborgenen Sehnsüchte. Weil ich mich ihr nicht zuwenden darf, kann ich auch nicht sehen, dass sie gar nicht das Biotop des Bösen und Triebhaften ist, vor dem ich mich fürchte.
- Die äussere Einsamkeit nährt sich durch die Autonomie-Illusion patriarchaler Männlichkeitsideologien. Ob Sigma Male, einsamer Wolf, Lonely Cowboy oder selbstgenügsamer Rebell, sie wird in unzähligen kulturellen Produktionen abgebildet, besungen und idealisiert. Nur selten aber wird sie als das dargestellt, was sie ist : ein lebensfeindliches Fantasma, das die falsche Behauptung einer wesenshaften männlichen Unabhängigkeit und Selbstgenügsamkeit dort platziert, wo auch bei Männern menschliche Bedürftigkeit und zwischenmenschliche Solidarität ist.
Die doppelte Einsamkeit traditionell sozialisierter Männer ist der Nährboden für die männliche Daseinswut und ihren verborgenen Zwilling, die Daseinsscham. Ohne sie hätte Donald Trump niemals Präsident der Vereinigten Staaten werden können.
Literatur
Böhnisch, Lothar & Winter, Reinhard (1993), Männliche Sozialisation, Heidelberg.
Böhnisch, Lothar (2018), Der modularisierte Mann. Eine Sozialtheorie der Männlichkeit, Bielefeld.
Fischer, Jannik M. K. ; Farren, Diego & Brettfeld, Karin (2024), Verunsicherte Männlichkeit? Der Einfluss männlicher Bedrohungsgefühle auf rechtsextreme Einstellungen bei jungen Männern. UHH MOTRA Spotlight No. 9. https://doi.org/10.25592/UHHFDM.14723.
Kaufmann, Michael (1996), Die Konstruktion von Männlichkeit und die Triade männlicher Gewalt, in : Kritische Männerforschung. Neue Ansätze in der Geschlechtertheorie, Stefan Beier u.a., Berlin, 138–171.
Theunert, Markus ; Siegl, Eberhard ; Schwerma ; Klaus & Schölper, Dag (2022), Demokratieförderung, Radikalisierungsprävention und die Perspektiven geschlechterreflektierter Männerarbeit – Discussion Paper. Bern, Wien, Berlin. https://www.maenner.ch/wp-content/uploads/2022-Discussion_paper_Radikalisierung_Demokratiegefaehrdung_-Maennlichkeit-Kopie.pdf.
Theunert, Markus (2023). Jungs, wir schaffen das. Ein Kompass für Männer von heute, 17 und 77. Stuttgart.
Wolfert, Sabine & Quenzel, Gudrun (2022). Welche gesundheitlichen Risiken gehen junge Männer ein? In : Stiftung Männergesundheit & Nomos eLibrary (Online service) (Hg.). Junge Männer und ihre Gesundheit : Fünfter Deutscher Männergesundheitsbericht, 97–126 ), Giessen.
Autor
Markus Theunert ist fachlicher Leiter und Co-Geschäftsführer der Fachstelle männer.ch, die seit 2021 einen fachlichen Schwerpunkt auf männlichkeitsideologische Gewalt- und Radikalisierungsdynamiken legt. Er arbeitet an der Schnittstelle von fachlicher Basisarbeit, Qualifizierung, Öffentlichkeit und Politik. 2023 hat er mit «Jungs, wir schaffen das» einen «Kompass für Männer von heute» veröffentlicht, 2024 den Bericht «Der Faktor M», 2025 gemeinsam mit Matthias Luterbach einen fachlichen Orientierungsrahmen für die geschlechterreflektierte Männerarbeit.