Erkenntnisse und Empfehlungen

Mitwirkende dieser Publikation haben in zwei Workshops Empfehlungen zum gesellschaftlichen Umgang mit Einsamkeit bei jungen Menschen erarbeitet. Diese werden nachfolgend aufgeführt, und es werden die Adressat:innen genannt, denen in der Umsetzung eine zentrale Rolle zukommt.

Einsamkeit und gesellschaftliche Verantwortung

Die Beiträge dieser Publikation zeigen, dass Armut, Prekarität, Diskriminierung, gesundheitliche Einschränkungen und instabile Lebensverhältnisse das Risiko belastender Einsamkeit erhöhen, während solidarische und gleichstellungsorientierte Rahmenbedingungen davor schützen können. Es genügt daher nicht, Einsamkeit als persönliches Schicksal zu sehen, sondern es müssen auch die gesellschaftlichen Ursachen berücksichtigt werden.

EmpfehlungenAdressat:innen

Formen von Einsamkeit differenzieren und benennen

Einsamkeit ist ein vielschichtiges Phänomen, hinter dessen Bezeichnung sich sehr unterschiedliche subjektive Empfindungen mit vielfältigen Ursachen finden. Dadurch unterscheiden sich auch die Ansätze, wie damit umgegangen werden kann. Die vielfältigen Formen von Einsamkeit sind klarer auseinanderzuhalten.

Forschung, 
Politik, 
Bildung, 
Medien

Strategien zum Umgang mit Einsamkeit erarbeiten

Es gilt, auf einer sozialpolitischen Ebene Strategien gegen Einsamkeit zu erarbeiten und sich des Themas sowohl departementsübergreifend wie auch in Zusammenarbeit mit Akteuren der Zivilgesellschaft annehmen. Dazu gehören die Bereitstellung ausreichender finanzieller Mittel, Koordinationstreffen, Angebotsübersichten und Aktionsprogramme, die gezielt soziale Teilhabe fördern.

Politik,
Verwaltung

Strukturelle Ursachen von Einsamkeit hervorheben

In politischen Strategien und Interventionen ist deutlich zu machen, dass Einsamkeit nicht ausschliesslich als individuelle Verantwortung zu verstehen ist. Die Bedeutung von strukturellen Ursachen beim Entstehen von Einsamkeit wie Armut, Diskriminierung oder chronische Krankheiten ist zu berücksichtigen.

Politik, 
Verwaltung, 
Medien, 
Zivilgesellschaft

Einsamkeit in öffentlichen und digitalen Räumen

Einsamkeit kann auch auf öffentlichen Plätzen, in Quartieren, Schulen, Vereinen oder in digitalen Räumen empfunden werden. Die Ausgestaltung dieser Begegnungsorte birgt daher ein Potenzial zur Verstärkung von positiven, verbindenden Wirkungen. Eine wirksame Einsamkeitspolitik muss öffentliche Räume bewusst auf soziale Teilhabe ausrichten und digitale Umgebungen so regulieren, dass sie Verbundenheit zwischen Menschen ermöglichen, ohne neue Risiken für Einsamkeit und psychische Gesundheit zu schaffen.

EmpfehlungenAdressat:innen

Gemeinschaftsfördernde Aufenthaltsorte schaffen

Bei der Entwicklung und Gestaltung von Nachbarschaften, öffentlichen Räumen und Stadtzentren soll ein besonderes Gewicht auf Begegnung, Verweilen und niederschwellige Teilnahme gelegt werden. Es werden sichere, attraktive und gut zugängliche Aufenthaltsbereiche ohne Konsumzwang benötigt, die für unterschiedliche Formen der Nutzung offenstehen, von nachbarschaftlichen Treffen über kulturelle Aktivitäten bis hin zu kleinen Initiativen aus dem Quartier.

Politik,
Verwaltung,
Bauherr : innen

Caring Communities fördern

Sorgende Gemeinschaften, sog. Caring Communities, sind lokale Netzwerke, in denen Menschen sich gegenseitig über Altersgruppen, soziale Lagen und Herkunft hinweg unterstützen. Sie verbinden informelle, freiwillige und professionelle Sorgearbeit, schaffen Räume für Teilhabe und Experimente und tragen so zu sozialem Zusammenhalt und zur Prävention von Einsamkeit bei. Solche Gemeinschaften basieren auf freiwilligem Engagement, aber benötigen auch finanzielle Ressourcen. Diese müssen ausreichend bereitgestellt werden.

Politik,
Zivilgesellschaft

Digitale Communities als Orte der Zugehörigkeit stärken

Soziale Medien bieten insbesondere marginalisierten jungen Menschen die Möglichkeit, Gleichgesinnte zu finden, Anerkennung zu erfahren und Verbundenheit zu erleben. Vereine und Initiativen sollen diese Potenziale aktiv nutzen ; etwa durch moderierte Online-Communities, kreative Formate oder Kooperationen mit Influencer:innen, die einen reflektierten Umgang mit Einsamkeit fördern.

Zivilgesellschaft,
Medien

Einsatz von Algorithmen und künstlicher Intelligenz regulieren

Soziale Medien bieten ein grosses Potenzial zur Verbindung von Menschen und der Förderung von Zugehörigkeit. Die dominanten Geschäftsmodelle haben sich jedoch davon wegbewegt. Sie fördern nicht die menschliche Verbindung, sondern die Nutzungsdauer und das Engagement mit ( zunehmend künstlich erzeugten) Inhalten und Bots, die von Algorithmen und KI-Systemen kuratiert werden. Für Anbieter von Social-Media- und KI-Systemen sind daher verbindliche Sorgfaltspflichten zur Identifikation und Reduktion von Risiken für psychische Gesundheit und Einsamkeit einzuführen. Sie müssen dafür auch zur Verantwortung gezogen werden können. Ein besonderer Fokus ist auf den Schutz von Kindern und Jugendlichen zu legen.

Politik,
Zivilgesellschaft

Einsamkeit nach Zielgruppen und Lebensphasen

Einsamkeit zeigt sich je nach Alter, Geschlecht, Lebenslage und biografischer Erfahrung sehr unterschiedlich. Entsprechend unterschiedlich und vielfältig müssen auch die Massnahmen sein, mit denen Einsamkeit begegnet werden soll. Die nachfolgenden Empfehlungen orientieren sich an einer Auswahl von Zielgruppen, soweit diese im Rahmen der Beiträge vertieft thematisiert wurden.

EmpfehlungenAdressat:innen

Zugehörigkeit trotz Anderssein anerkennen

Auf Heranwachsende wirkt sich soziale Zurückweisung besonders negativ aus. Es ist daher wichtig, dass sie zu spüren bekommen, dass unterschiedliche Lebensentwürfe, Identitäten und Formen von Neurodiversität in der Gesellschaft einen gleichwertigen Platz haben.

Politik,
Schulen,
Zivilgesellschaft,
Medien, 
Familien

Begegnungsräume für gleichaltrige Peers bereitstellen

Für Jugendliche sollen vielfältige, niederschwellige und sichere Begegnungsräume entstehen und gefördert werden, die von gleichaltrigen Peers mitgestaltet oder geleitet werden – etwa offene Treffpunkte, Gruppenangebote oder digitale Communities.

Verwaltung, 
Zivilgesellschaft

Götti-/Gottisysteme in Vereinen einführen

In der Schweiz im Allgemeinen und in Basel im Besonderen besteht eine Vielzahl von Vereinen für alle möglichen Interessen. Interessierten Personen kann es aber je nach persönlichen Gegebenheiten schwerfallen, in einem der vielen Vereine neu Anschluss zu finden. Die Vereine sollen daher Götti-/Gottisysteme einführen, wonach sich bestehende Mitglieder eines Neumitglieds annehmen. Dadurch können Hemmungen abgebaut und ein nachhaltiger Anschluss gefördert werden.

Zivilgesellschaft

Brüche an Bildungs- und Erwerbsübergängen berücksichtigen

Übergänge von der Schule in eine Ausbildung und weiter ins Erwerbsleben sind besonders verletzliche Phasen, in denen Brüche oft weitreichende Folgen haben können. Wo mit ihnen der Verlust eingespielter Beziehungen einhergeht, kann sich eine bereits schwierige Lebenslage durch Einsamkeit noch verschärfen. Ein übergeordnetes Casemanagement sollte dafür sorgen, dass von Brüchen betroffene Jugendliche bei Bedarf eine passende Unterstützung und Begleitung bekommen.

Verwaltung

Zugängliche Beratungs- und Coaching-Angebote stärken

Ergänzend zu von Peers begleiteten Begegnungsräumen sind professionelle Coaching- und Psychotherapieangebote auszubauen, die Betroffene dabei unterstützen, einen Umgang mit Einsamkeit und einen eigenen Ausweg daraus zu finden. Bestehende Angebote sind einfacher und rascher zugänglich zu machen und digitale Angebote für Selbsthilfeinterventionen sind zu unterstützen. Soforthilfe muss auch ausserhalb von Bürozeiten rasch zugänglich sein.

Verwaltung, 
Zivilgesellschaft

Einsamkeit in einer gendersensiblen Perspektive angehen

Jungen- und Männerprojekte sollen explizit auf Einsamkeit, Beziehungskompetenzen und alternative Männlichkeitsbilder eingehen. Im Zentrum stehen Kompetenzen der Selbstwahrnehmung, Selbstbehauptung und des gewaltfreien Umgangs mit Konflikten, damit Jungen und Männer ihre Innenwelt wahrnehmen und ausdrücken können, statt Gefühle in Gewalt, Rückzug oder Selbstabwertung zu verwandeln. Um bereits isolierte Personen zu erreichen, braucht es aufsuchende Angebote, die durch gezielte Ansprache auch online auf sich aufmerksam machen.

Verwaltung, 
Zivilgesellschaft

Übergangswohnen für Jugendliche und junge Erwachsene

Jugendliche und junge Erwachsene, die bspw. wegen Konflikten, Gewalt, psychischen Erkrankungen oder Suchterkrankungen nicht in einem geeigneten Elternhaus leben können, sind einem erhöhten Risiko von Einsamkeit, Schulabbruch und psychischen Krisen ausgesetzt. Für sie braucht es ausreichend passende Wohnformen mit sozialpädagogischer oder psychosozialer Begleitung, die über die Volljährigkeit hinaus offenstehen und den Übergang in ein eigenständiges Leben unterstützen.

Verwaltung, 
Zivilgesellschaft

Einsamkeit erforschen und erfassen

Einsamkeit variiert bezüglich der Lebensspanne, umfasst unterschiedliche Qualitäten ( von vorübergehendem « Entwicklungsschmerz » bis zu chronischer Belastung ) und spiegelt sowohl individuelle Verwundbarkeiten als auch gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Diese Vielfalt ist durch die Forschung noch nicht richtig erfasst worden, es fehlen belastbare Daten zur Verbreitung wie auch zur Wirkung der Massnahmen, die gegen Einsamkeit getroffen werden.

EmpfehlungenAdressat:innen

Aussagekräftige Daten zu Einsamkeit erheben

Die Vielfalt dessen, was Personen als Einsamkeit bezeichnen, relativiert die Aussagekraft von einzelnen statistischen Kennzahlen. Bei statistischen Erhebungen ist das Thema daher möglichst differenziert zu behandeln und auch mit objektiv feststellbaren Indikatoren zu erfassen.

Verwaltung,
Forschung

Einsamkeit systematisch im Gesundheitswesen erfassen

In Hausarztpraxen, Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Schulgesundheitsdiensten sind standardisierte Fragen zu Einsamkeit und sozialer Isolation in Anamnese und Screening zu integrieren und die betreffenden Fachpersonen dafür zu sensibilisieren. Einsamkeit ist als sozialer Schmerz mit körperlichen und psychischen Folgen anzuerkennen und als relevanter Indikator in der Beurteilung psychischer Gesundheit zu berücksichtigen.

 

Verwaltung, 
Gesundheitsdienste, 
Schulen

Wirkungen von Massnahmen systematisch evaluieren

Programme und Projekte gegen Einsamkeit – von Gruppenangeboten über digitale Tools bis zu Strategien – sind konsequent zu evaluieren. Die Ergebnisse sind öffentlich zugänglich zu machen und in die Weiterentwicklung der Strategien einzuspeisen.

Verwaltung, 
Forschung, 
Zivilgesellschaft