Einleitung
Einsamkeit wird heute breit diskutiert. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht ein Medienbeitrag das Thema aufgreift. Keine Personen- oder Altersgruppe scheint davon verschont zu bleiben: ältere Menschen, Jugendliche, frischgebackene Eltern, Gamer:innen, Migrantinnen und Migranten, Menschen mit wenig Geld ebenso wie solche mit hohem Einkommen – sie alle gelten in unterschiedlichem Ausmass als potenziell betroffen.
Als verstärkende Ursache wird dabei sehr häufig die Covid-19-Pandemie angeführt. Inzwischen existiert eine beinahe unüberschaubare Menge an Studien, Forschungsprojekten und Strategien zum Thema Einsamkeit. Diese weisen deutlich darauf hin, dass sich das Phänomen bereits vor der Pandemie abzuzeichnen begann. Gesellschaftliche Entwicklungen wie zunehmende Individualisierung, Digitalisierung, verändertes Freizeitverhalten und mobile Lebensstile werden dabei häufig als begünstigende Faktoren genannt.
Die breite Verwendung des Begriffs Einsamkeit hat viele Vorteile : Es kann argumentiert werden, dass ein lang verdrängtes Thema endlich benannt wird und gesellschaftliche Relevanz und Sichtbarkeit erhält, so wie einst die Depression und der Burnout. Dies ermöglicht es, notwendige Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Seitdem werden zielgruppenspezifische Massnahmen definiert und Strategien, Programme, Initiativen zur Bekämpfung von Einsamkeit lanciert. Japan richtete zum Beispiel ein eigenes Einsamkeitsministerien ein, in Grossbritannien arbeiteten wechselnde Regierungen ab 2017 eine Vielzahl von psychologischen und Community-Initiativen aus, sodass verkürzt vom «Minister for Loneliness» gesprochen wird. Konferenzen und Tagungen widmen sich dem Phänomen ; kulturelle wie soziale Institutionen nehmen das Thema auf und wollen ihren Beitrag im Kampf gegen Einsamkeit leisten. Wenn Menschen das, was sie empfinden, benennen können, steigen die Chancen, dass Betroffene Hilfe suchen und Unterstützung erhalten. Andererseits werden Hilfeleistungen in Form von Therapien, niederschwelligen Beratungen sowie andere Massnahmen entwickelt und zur Verfügung gestellt.
Gleichzeitig hat der inflationäre Gebrauch des Begriffs Einsamkeit seine problematischen Seiten. Zum einen kann es zu seiner Banalisierung führen. Denn Phasen des Alleinseins, der Langeweile, des Grübelns oder des sozialen Rückzugs gehören zum Leben, sie sind oft normal oder sogar notwendig und manchmal kreativ. In der Folge wird, was ursprünglich ein individuelles Gefühl beschreibt, zunehmend wie eine gesellschaftliche Krankheit behandelt. Wenn solche Gefühlsphasen vorschnell als Einsamkeit etikettiert werden, besteht die Gefahr einer Pathologisierung von Alltäglichem. Wird Einsamkeit zu einem Schlagwort, um Kampagnen und Projekte zu legitimieren und medial zu überhöhen, besteht die Gefahr einer Überdramatisierung. Damit drohen Ressourcen fehlgeleitet zu werden – weg von jenen Menschen, die tatsächlich dauerhaft und schwer belastet sind, hin zu einer unscharf definierten Allgemeinheit.
Die vorliegende Publikation bewegt sich in diesem Spannungsfeld und widmet sich dem Thema Einsamkeit aus einer interdisziplinären Perspektive. Sie legt dabei einen besonderen Fokus auf junge Menschen – eine Gruppe, deren Einsamkeitserfahrungen bislang wenig Beachtung gefunden haben. Beiträge aus Wissenschaft, Praxis, Verwaltung und Zivilgesellschaft beleuchten Ursachen, Erscheinungsformen und Folgen von Einsamkeit und machen deutlich, dass es sich dabei nicht nur um ein individuelles Empfinden, sondern um eine zentrale gesellschaftliche Herausforderung handelt. Ziel der Publikation ist es, Einsamkeit sichtbar zu machen, ein vertieftes Verständnis zu fördern und Impulse für wirksame Strategien und Massnahmen zu geben.